Der Hauch des Todes

Foto: Privat

Gastbeitrag von Clemens Wiem

Wer in diesem Buch den Überblick behalten will, sollte es mindestens zweimal
gelesen haben (so wie ich) – wer mehr Zeit hat, wird schnell merken, dass auch die
nochmalige Lektüre gewinnbringend werden kann; wie in einem James-Bond-Film
verliert man doch recht schnell die Übersicht: wer heute noch in Marokko
herumschnüffelt, ist morgen schon in Afghanistan – einmal nicht aufgepasst,
verlieren sich die Zusammenhänge. Die Konstruktion, die russisch-amerikanische
Doppelbödigkeit, ist aufgrund ihres Stoffs natürlich sehr mutig gewählt. ›Der
Hauch des Todes‹ scheint den Autorerzähler stets zu begleiten. Mit zunehmendem
Ende der Erzählung wird man sich allerdings die Frage stellen, ob die
Schauplatzwechsel nicht etwas abrupt, ja überkonstruiert gewählt sind, ob dem
Autor hier nicht etwas die Puste ausgegangen ist und es etwas mehr Raum
gebraucht hätte, um Licht ins Dunkel zu bringen; so taucht ein Privatdetektiv in
der Geschichte auf, um die Identität der vermeintlichen Whistleblowerin DeepFBI
zu ergründen, ist drei Seiten später aber schon tot. Die vielen semantischen
Leerstellen können vom Leser nur schwerlich gefüllt werden (oder entsprechen
sie eben der Bedeutung, dass es dem Autor unmöglich war, ›das Ganze‹ zu
erzählen?). Wahrscheinlich verbittet sich die Frage aber auch schon deshalb, weil
der Autor seine eigenen – teilweise zuschnürenden – Erfahrungen in Form zu
bringen versucht, dass es mehr als das Gelesene also wahrscheinlich ganz einfach
nicht zu erzählen gab. Man wird sich zudem irgendwann fragen, ob ein derart
»virtuoses Spiel mit Fakten und Fiktionen« (S. Fischer Verlag) nicht letztlich nur
dem Thrill der Erzählung dient. Trojanow reflektiert diese Lesart natürlich und es
gibt einige Momente in der Erzählung, die eine solche Lesart negieren
(insbesondere dann, wenn es um die Vergewaltigung und den Missbrauch von
Frauen und Kindern geht). Der Titel ›Doppelte Spur‹ aber lässt eben solch ein
Thriller-Buch erwarten und ist darum vielleicht nicht so klug gewählt (wer weiß
schon, welchen Anteil der Verlag daran hatte). Bleibt zudem die Frage, ob es sich
bei diesem Buch überhaupt um einen Roman handelt, wie der Autor vorgibt, denn
die Fiktionalität der Erzählung bliebe schließlich auch bestehen, würde dieser
Hinweis auf dem Buchumschlag fehlen (mit wenigen Ausnahmen, gerade zum
Ende des Buchs hin, scheinen es ja collagierte Berichte über das Erlebte zu sein –
es ist aber kaum mit Gewissheit von irgendeiner Wahrheit auszugehen; in welchen
Momenten der Autorerzähler fingiert, bleibt sein Geheimnis). Das Fiktionsspiel
würde ohne den Hinweis ›Roman‹ jedenfalls vor einem anderen
Erwartungshorizont entstehen, was dem gehaltvollen Inhalt und der Einsicht, dass
journalistische Arbeit für das ›Gewicht der Welt‹ gewiss nicht unwesentlich ist,
bestimmt zuträglicher gewesen wäre.

Doppelte Spur, Ilija Trojanow, 2020, S.Fischer Verlag, 244 Seiten, 22, 00 €.

Foto: Privat

Clemens studierte Deutsch und Sport auf Lehramt in Oldenburg und Berlin, ehe es ihn 2017 wegen des Masterstudiums Transnationale Literaturwissenschaft: Literatur/Theater/Film nach Bremen verschlug. Clemens‘ Herz schlägt nicht nur für Literatur, sondern auch fürs Filmemachen: Seine Abschlussarbeit, die Kurzdokumentation »Off:Music«, feierte im Herbst 2019 ihre Premiere.

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