Das verlorene Paradies

Foto: Matej Meza

Gastbeitrag von Sophie Otto

Es ist eine merkwürdige Zeit für merk-würdige Begegnungen, ein paar Tage kurz vor dem sogenannten Lockdown light, der auch für die Literatur- und Kulturszene erneute Ungewissheiten birgt. Umso mehr freue ich mich auf ein persönliches Gespräch mit Matthias Nawrat, Autor des 2019 erschienenen Buches Der traurige Gast. Was als ein Gespräch über eben diesen Roman geplant war, entwickelte sich auch zu einem Fragen nach den Möglichkeiten und Potentialen des menschlichen Daseins.

Durch den Roman führt eine Erzählerfigur, welche man bei ihren Begegnungen im gegenwärtigen Berlin begleitet. Der Namenlose tritt dabei sowohl in den Hintergrund der Erzählung, scheint manchmal beinahe zu verschwinden, bleibt aber andererseits auch omnipräsent – durch seine Schilderungen, Beobachtungen und Ausführungen blicken wir schließlich auf die Welt, die sich ihm offenbart. Diese ,personifizierte Empathie‘ scheint ein trauriger Gast in den Momenten im Leben der anderen Figuren zu sein, aber nicht nur: Die Figuren, die mit ihren Geschichten den Roman füllen, scheinen auch traurige Gäste ihres eigenen Lebens zu sein. Was hat es mit diesem Titel auf sich?

Dieser Titel lässt, wie Du sagst, genau diese Offenheit zu. Durch die Biografien aller Figuren ziehen sich im Grunde dieselben Fragen: Wie stehe ich in meinem gegenwärtigen Leben und bin ich in diesem nur zu Gast? Wer sind wir auf dieser Erde? Wo kommen wir her, wo gehen wir hin und was sollen wir hier eigentlich sinnvoll tun? Diesen transzendentalen Fragen und metaphysischen Thematiken widmet sich der Roman.

Fragen, so scheint es, die den Menschen tief verzweifeln lassen können. Sich der eigenen Entwurzelung bewusst zu werden, diese im eigenen Dasein zu spüren.

Dabei reduzierst Du dieses Sich-in-der-Welt-entwurzelt-Fühlen nicht auf Aspekte wie die der Migrationsgeschichte Deiner Figuren. Auch der ehemalige Kommilitone des Erzählers, Karsten, spürt diese Traurigkeit, diese Perspektivlosigkeit in seiner Existenz. Wieso fällt es ihm so schwer, im eigenen Sein einen (Mehr-)Wert zu entdecken?

Auch durch diese Figur spannt sich das universale Thema auf. Einerseits hat Karsten viele Aspekte in seinem Leben, die dieses lebenswert machen. Eine tolle Familie, eine interessante Arbeit – er ist Naturwissenschaftler und arbeitet in der Forschung. Gleichzeitig stellt er sich die Frage, wozu er seiner Arbeit nachgeht, wozu er in der Welt ist, was seine Forschung eigentlich bringen soll. Ihn prägt eine familiäre Entwurzelungserfahrung. Früh schon verlor er seine Eltern und damit einen inneren Ort des Sich-beheimatet-Fühlens.

In der biblischen Tradition gibt es die Erzählung des verlorenen Paradieses. Diese Metapher kann man, auch ohne eine religiöse Konnotation, übertragen auf die Erfahrung eines jeden Menschen: Jeder Mensch verliert irgendwann seine Kindheit, diesen geschützten Raum, der so aufgeladen mit Sinn und Magie ist. Und mit diesem Verlust kommen die Sinnfragen, erst recht, wenn es keinen Ort mehr gibt, an dem die Erinnerungen weiterleben können, weil die Eltern schon seit der Jugend nicht mehr da sind.

Die Frage des Lebens nach dem Tod stellen wir uns nicht mehr auf die Art und Weise wie in vergangenen Jahrhunderten, aber auch unser Leben ist eingespannt zwischen einem Anfang und einem Ende, das Leben ist ein Dazwischen, ein Transit.

Was wollen wir mit unserer Zeit anfangen? Viele Menschen glauben nicht an Gott; große politische Ideen wie der Kommunismus, als letzte große Diesseits-Paradieserzählung, sind gescheitert. Das kapitalistische Wirtschaftssystem schafft immer neue Sehnsüchte, die allerdings die zentralen Fragen oft eher verschleiern, denn das Wirtschaftssystem kann nicht die Frage beantworten, wie die Welt sein soll, wie wir uns gegenüber den Anderen verhalten sollen oder wie wir angesichts der Gewalt in der Welt Hoffnung schöpfen können. Die Figuren in meinem Roman haben alle ein Trauma hinter sich und sind in diesem höheren Sinne entwurzelt – sie haben die Sicherheit verloren.

Es scheint schwer zu sein, der Vergangenheit nicht nachzuhängen, sondern in der Gegenwart anzukommen, den Blick nach vorne zu wenden. So entzieht sich der Erzähler allen Fragen der Zukunft, während an den anderen Figuren Gegenwärtigkeit von Erinnerungen deutlich wird.

Für den Erzähler ist die Vergangenheit Europas ein Trauma, wie auch für einige andere Figuren im Roman, die Brüche in ihren Biografien nie überwunden haben. Der Zivilisationsbruch des II. Weltkriegs und seine Folgen wirken bis heute psychologisch nach. Der Erzähler empfindet ein Unbehagen gegenüber der Menschheit, kann sich auf nichts in seinem Leben wirklich verbindlich einlassen, ist ein typischer Vertreter jener mobilen Klasse, die überall und nirgends zu Hause ist und sich in dieser Unverbindlichkeit eingerichtet haben.

Aber es gibt heute auch eine Gegenreaktion gegen das Unbehagen. Erinnerungen als vermeintliche Idylle aus der Vergangenheit. Die Menschen haben Sehnsucht nach einer verlässlichen Sicherheit und neigen dann dazu, autoritäre oder konservative Regierungen zu befürworten, weil diese einen Schein von Sicherheit versprechen, wenn nur alles wieder so wird, wie es natürlich in Wahrheit niemals war. In diesem Spannungsverhältnis von Sicherheit und Freiheit spielt die Angst vor der realen Freiheit, die einen in eine echte Verantwortung der Zukunft der Menschheit gegenüber zwingt, eine zentrale Rolle. Weil die Angst vor der Offenheit der Zukunft uns auf die Frage zurückwirft, worauf wir uns eigentlich verlassen können.

In den kapitalistischen Utopiewelten unserer Zeit wird uns vermittelt, jedes mögliche Leben führen zu können. Der Wunsch, sich all diese Möglichkeiten offenzuhalten, ist immens hoch. Diese Lebensperspektiven, oder Utopiewelten, verwirklichen zu können, ist allerdings oft mit Privilegien verknüpft, die die allermeisten Menschen auf der Welt nicht besitzen. Viele versuchen, diese Anderen auszusperren. Sie wollen lieber in der Illusion von Sicherheit verbleiben, die uns die 1990er Jahre noch gegeben haben, als Kapitalismus und Demokratie gesiegt zu haben schienen. Wir leben heute allerdings in einer Welt, in der diese Scheinsicherheit durch konkrete Gefahrensituationen immer wieder irritiert wird.

Was uns auf Berlin zu sprechen kommen lässt. Deine Erzählung umrahmt den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz im Jahre 2016. Entgegen meiner Erwartung schwingt der Anschlag eher omnipräsent mit, als einen wesentlichen Anteil der Erzählung einzunehmen. Diese Gleichzeitigkeit von Erschütterung, Angst, aber auch dem zu bewältigenden Alltag, der in seiner Normalität so schmerzhaft ist, war sehr beklemmend.

Bei der Erzählerfigur lässt dieses Ereignis sein Misstrauen wachsen. Vergeht so ein Misstrauen wieder? Was macht so eine Erfahrung mit einem Menschen?

Die erodierte Sicherheit des Einzelnen ist für eine in friedlichen Verhältnissen lebende Person mit einer tiefen Verunsicherung verknüpft, denn in diesem Moment tut sich der Ausblick auf eine Welt auf, in der die Unsicherheit zur Normalität geworden ist. Es gibt viele Gebiete auf dieser Welt, in der Menschen in einen Krieg hineingeboren werden und über viele Jahre keinen anderen Zustand kennenlernen, nur: daran denken wir Europäer ja nicht ständig. Erst in dem Moment, da es vor meiner eigenen Haustür passiert, bricht die Illusion zusammen.

Das irritierende Misstrauen, das der Erzähler in den Tagen nach dem Anschlag empfindet, ist wahrscheinlich eine normale Reaktion. Er kann nicht mehr in die U-Bahn steigen, ohne zu scannen, welche Menschen sonst noch mit ihm zusteigen, wer von ihnen ein Attentäter, eine Attentäterin sein könnte. Aber das vergeht. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich das bestätigen. Man findet schnell wieder in die Schutzzone und ins Vertrauen zurück.

„Der traurige Gast“ zu schreiben war eine Schulung des Wahrnehmens und Schauens, den Blick zuzulassen für die unmittelbare Gegenwart und Umgebung. Es begann mit dem Tagebuchschreiben, also mit dem Versuch das unmittelbare Umfeld festzuhalten und zu reflektieren. Ich habe in den Passagen, die den Anschlag umrahmen, versucht, diese Erschütterung des Alltags und ihre kleinen, oft unmerklichen Folgen, genau festzuhalten, auch wenn es bedeutete, dass ich mich mit meiner eigenen beschämenden Angst vor den Anderen befassen musste, auch meinem eigenen reflexartigen Rassismus.

Ist das Tagebuchschreiben auch der Zugang gewesen, der für Dein nächstes Werk als Grundlage diente?

Ich habe das Gefühl, dass das Schreiben des „Traurigen Gastes“ nicht spurlos an mir vorbeigegangen ist, mein Schreiben entwickelt sich praktisch von da aus weiter. Mein neues Buch, das im nächsten August herauskommt, ist auch ein Versuch des Beobachtens und Festhaltens, ich habe also diese Art zu schreiben nicht ganz aufgegeben. Inhaltlich hat es aber eine andere Ausrichtung, meine Art zu schreiben entwickelt sich wohl einfach nach vorne.

Wir dürfen gespannt sein! Matthias Nawrat, vielen Dank für Deine Zeit!

Der traurige Gast, Matthias Nawrat, 2019, Rowohlt, 304 Seiten, 22,00 Euro.

Foto:privat

Sophie zog es vor rund drei Jahren nach Bremen. Noch immer streift sie durch die Straßen und entdeckt neue Wege, Querverbindungen und winklige Gassen. Dies liebt sie auch an guter Literatur: Die Möglichkeit, eine fremde/bekannte Welt für sich immer wieder neu zu entdecken, die Gefahr sich zu verlaufen oder zu stolpern inklusive.

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