Corona prohibiti

©privat

von Verena Bracher

Dreiundzwanzig Veranstaltungen waren als Teil des Literaturfestivals globale° dieses Jahr geplant gewesen, und die meisten fanden trotz oder vielleicht auch zum Trotz der weltweiten Pandemie statt. An einem im Nachhinein fast symbolischen Abend – am letzten Tag bevor die Ministerpräsidenten in Berlin für den November neue Regelungen zur Pandemie-Bekämpfung verabschiedeten – wurde im Rathaussaal in Bremen das Festival offiziell eröffnet. Zwölf Reihen an Stühlen wurden im Saal aufgestellt, mit jeweils vier in großem Abstand positionierten Sitzgelegenheiten. Eineinhalb Meter Abstand sollten gehalten werden. Zwei Literat*innen waren für das Gespräch eingeladen worden, zwei Redner richteten Begrüßungsworte an das Publikum. Exakt bis 19:00 Uhr sollte die Veranstaltung dauern, also auf keinen Fall länger als sechzig Minuten. Neun mal fiel der Name des Festivals und sechs mal wurde der Deutsche Buchpreis erwähnt. Ein Wort jedoch wurde um jeden Preis vermieden: Corona.

Es war, als hätten alle Beteiligten einen Pakt geschlossen, das-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf nur ja nicht zum Inhalt zu machen. Ein verständlicher Wunsch. Jede*r im Publikum hatte sicher in den Monaten vorher konstant das Thema der Pandemie diskutiert, besprochen und bedacht. Und jede*r hatte sicher das Bedürfnis, dem großen C-Wort nur ja nicht zu viel Raum zu geben. Aber sind wir mal ehrlich – wenn man in 1,5 Meter Abständen auf Holzstühlen sitzt, beim Eintreten auf das Desinfizieren der Hände hingewiesen wird und das Lächeln des Gegenübers nur an einem leichten Zwinkern der Augen erkennen kann, weil Mund und Nase hinter einem (zugegeben teils sehr stylish gewählten) Stück Stoff versteckt sind, dann ist es fast unmöglich dem Elefanten im Raum nicht zu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Und spätestens dann, wenn der Nebensitzende leise hustet, steht der Elefant auf und trötet laut.

Man muss den Veranstalter*innen wirklich zu dem gratulieren, was sie unter diesen besonderen Bedingungen auf die Beine gestellt haben. So sehr ihr-wisst-schon-was die Kulturindustrie in den letzten Monaten gebeutelt hat, so sehr gaben sich die Veranstalter*innen von globale° Mühe, eine letzte, erinnerungswürdige Reihe von Events zu gestalten, bevor im November Kulturveranstaltungen wieder ausgesetzt sein würden. Und man hatte das Gefühl, dass die Besucher*innen der Lesungen dankbar waren für dieses Angebot, sich aus Diskussionen zu Home-Office und Maskenpflicht einen Moment herauszunehmen und sich auf andere Thematiken einzulassen. Auch wenn, wie oben bereits geschildert, der Versuch, eine derart präsente Situation zu ignorieren selbst durch die Verweigerung der Benennung nicht wirklich gelingen kann. Kreative Umschreibungen wie „schwierige Umstände“ und „besondere Verhältnisse“ sind einfach Euphemismen für, ehrlich gesagt, eine bescheidene Ausgangssituation. Und trotzdem bleibt der Verfasserin dieses Artikels nichts anderes übrig, als sich diesen Bemühungen anzuschließen, um den Leser*innen das positive Gefühl weiterzugeben, um das sich bei den globale°-Veranstaltungen wirklich bemüht wurde.

Das diesjährige Schwerpunktthema der globale° war „libri prohibiti“ also „Verbotene Bücher“. Ein Themenschwerpunkt, der leider wohl immer zeitgemäß und aktuell ist. In diesen Themenzusammenhang ließen sich auch die Werke von Abbas Khider und Anne Weber eingliedern, die als Schreibende Teil der Eröffnungsveranstaltung waren und die sich beide auf ihre Art mit der Frage nach politischer Positionierung in einem Stimmen-unterdrückenden System auseinandergesetzt haben. Mit Anne Weber hatten das globale°-Veranstaltungsteam das zweite Jahr in Folge ein Gespür für vieldiskutierte deutsche Literatur bewiesen und die Preisträgerin des Deutschen Buchpreises eingeladen. Der Moderator der Veranstaltung, Literaturkritiker Rainer Moritz, verstand es trotz zeitlicher Limitierung diesen zwei Literat*innen in einem Gespräch die Zeit einzuräumen, die Motivationen hinter ihren Werken zu erklären und ihre Figuren zu präsentieren, ohne dafür Auszüge vorzulesen.

Literaturfestivals sind in Bezug auf die Wahl der medialen Vermittlung klar positioniert – schließlich rücken sie das Medium des Buches in den Mittelpunkt. Also in der Regel ein Bündel von bedrucktem weißem Papier zwischen zwei starken Buchdeckeln, manchmal umhüllt von einem schönen Schutzumschlag. Ein haptisches Medium, das im Allgemeinen vor allem mit dem befriedigenden Gefühl des Umblätterns von Buchseiten assoziiert wird. Die globale° bewies jedoch bereits in der Programmplanung eine besondere Offenheit gegenüber anderen medialen Vermittlungsformen, vielleicht, weil einem verbotenen Buch gerade jene physische Manifestierung verwehrt wird, vielleicht, weil die Auswirkungen von dem-das-nicht-zu-nennen-sei auch der Frage nach neuen medialen Kommunikationsformen einen Push nach vorne versetzt hat. Neben klassischen Lesungen bot das globale°-Programm dieses Jahr nicht nur eine Konferenz, in der via Zoom zugeschaltete oder anwesende Sprecher*innen interessante Ansatzpunkte zu dem Thema „Verbotene Bücher“ und Zensur in die Diskussion einbrachten, sondern hatte auch eine Kunstinstallation und eine Filmvorführung als Programmpunkt geplant. Ein literarischer Spaziergang entlang der Bremer Buchhandlungen setzte das Thema nochmals in einen ganz neuen Präsentationsrahmen. Kritische Stimmen, die sich über verzerrte Zoom-Zuschaltungen und den Störfaktor von technischen Störungen beschweren haben sicher ihre Berechtigung, aber es ist doch auch faszinierend welch große Bandbreite an Möglichkeiten sich eröffnet, wenn man die Frage stellt: „Wie kann Literaturvermittlung auch anders als durch eine klassische Lesung (und die dadurch in einem kleinen Raum stattfindende Zusammenkunft von Gästen und Literat*in) gestaltet werden?“.

An dieser Stelle könnte jetzt auf feinsinnige Art und Weise der Bogen gespannt werden, zwischen dem Themenschwerpunkt der globale° und der Frage nach einer unfreiwilligen, jedoch der Gesellschaft und dem Miteinander geschuldeten Zensur durch eine restriktive Politik, die Kulturveranstaltungen nicht oder nur unter diversen Auflagen ermöglicht. Wird er aber nicht. Das wäre unangebracht. Die globale° 2020 hat in vielen Punkten bewiesen, dass ein Umgang mit derart schwierigen Situationen möglich ist und ja, sogar neue Herangehensweisen fördern kann. Ein Beispiel sei an dieser Stelle noch genannt: Die sonst am Eröffnungsabend gegebene Möglichkeit bei einem kleinen Empfang im Anschluss ins Gespräch zu kommen fiel den Beschränkungen zum Opfer. Umso mehr dürfte eine kleine Aufmerksamkeit den Gästen den Abend verschönert haben: Jeder Gast bekam am Ende eine kleine Flasche Wein auf den Nachhauseweg. Zu empfehlen war der Genuss wohl besonders bei der Lektüre eines der literarischen Werke des Festivals. Und letztendlich sollte eben dies, die persönliche oder gemeinsame Auseinandersetzung mit den literarischen Werken der globale°, im Mittelpunkt stehen. Jedes präsentierte Werk verdient schließlich auch außerhalb der sicherlich wichtigen kulturpolitischen Diskussion des Jahres 2020 seine Aufmerksamkeit. Womit die inoffizielle Maxime des Eröffnungsabends wieder aufzugreifen sei und darauf verwiesen wird, dass es dieses Jahr die tolle Möglichkeit gibt, einen Teil der Veranstaltungen durch die entstandenen Mitschnitte auf Youtube auch nach dem offiziellen Abschluss des Literaturfestivals noch wahrzunehmen.

Auf der Webseite der globale°, unter http://globale-literaturfestival.de/, lässt sich das gesamte Programm mit teilweise vorhandenen Links zu Video-Aufnahmen der Veranstaltungen finden. Außerdem finden sich hier auf dem Blog Rezensionen zu den meisten Titeln des Literaturfestivals. Die Lektüre sei empfohlen.

Anne Weber, Annette, ein Heldinnenepos. Verlag Matthes und Seitz Berlin, 2020.

Abbas Khider, Palast der Miserablen. Hanser Verlag, 2020.

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