Verzweiflung und Hoffnung

Foto: Privat

Von Annika Schmidt

Kinder verstehen die Gründe für Zorn oder Furcht nicht immer, doch das Gefühl können sie sehr gut einschätzen. Durch ihre Augen lassen sich viele Situationen sehr intuitiv miterleben. Auch wird Hilflosigkeit in manchen Situationen so noch einmal stärker betont. Abbas Khider erzählt in Palast der Miserablen von Shams und seiner Familie zur Zeit des Irak-Krieges. Der Roman wird aus Sicht von Shams erzählt, der zu Beginn noch ein Kind ist. Ein Roman, der zeigt, wie widersprüchlich das Leben während Kriegszeiten sein kann, und wie wichtig Bücher besonders in solchen Zeiten sein können.

Shams lebt mit seiner älteren Schwester Quama und seinen Eltern im Süden des Iraks in einem kleinen Dorf. Sein Vater ist wie alle Männer dort Soldat, ist jedoch oft zu Hause, da er an einem Versorgungsposten in unmittelbarer Nähe des Dorfes postiert ist. Vermeintlich. Es häufen sich Gerüchte um einen Herrn Bush und als der Irak-Krieg beginnt, muss Shams Vater weiter weg. Das Leben zwischen lustigen Spielen mit anderen Kindern auf der Straße und dem Zittern im Kleiderschrank bei Bombenangriffen zeigt, wie ambivalent das Leben auch zu Kriegszeiten sein kann, besonders für Kinder. Vor allem die Machtwechsel im Land spiegeln sich in den Spielen der Kinder wider. Hier wird deutlich, wie sehr sich Kinder auf verschiedene Situationen einstellen können.

Als Shams Vater verletzt aus dem Krieg zurückkehrt und die Situation im Dorf aussichtslos erscheint, siedelt die schiitische Familie für eine vermeintlich besseres Leben nach Bagdad um, denn dort fallen sie zwischen Sunniten und Christen weniger ins Auge als im von Saddam Hussein verhassten Süden des Landes. Doch das Leben gestaltet sich schwierig, eine Wohnung ist nicht zu finden und so landet die Familie im Blechviertel, dem Viertel, das auf einem Müllberg von den dort lebenden Menschen selbst gebaut wird. Auch hier zeigt sich wieder, dass sehr viel Hoffnung und Schönes in einer scheinbar ausweglosen Situation entstehen kann. Besonders durch die Augen eines Kindes scheint vieles umso reizvoller.

All dies sind Erinnerungen Shams, der im Gefängnis sitzt. Sehr plastisch erfahren wir von seinen Leiden und den Umständen, in denen er lebt. Besonders Schrift, Zeitschriften und Bücher faszinieren ihn. Bereits zu Beginn des Romans wird klar, wie viel Macht Sprache besitzt, denn Bücher und Flugblätter sind vom Regime verboten. Und ein lesender Gefängniswärter ist für Shams ein äußerst positives Zeichen. Dass Sprache Macht besitzt und dadurch Bücher verboten werden, passt zum diesjährigen Thema der globale: libri prohibiti. Bücher bedeuten Bildung und diese kann einem totalitären Regime gefährlich werden. Literatur spielt in diesem Roman eine große und aufrührerische Rolle. Ein geheimer Zirkel aus literaturbegeisterten Menschen ist eine Zuflucht und bietet Abkehr von den Machenschaften Saddam Husseins. Dass Shams zusätzlich verbotene Bücher verkauft, wird ihm schließlich zum Verhängnis.

Der Roman von Abbas Khider zeigt Schönheit und Grausamkeit auf eindrückliche Weise. Er zeigt die Lehren von Religion und auch den Wahn und das Mystische, das daraus entstehen kann. Erfindergeist und Anpassungsfähigkeit sind für Shams und seine Familie von großer Bedeutung. Der gesamte Roman scheint aus Widersprüchen zu bestehen und doch zeigt er genau deshalb, dass Verzweiflung und Hoffnung oft sehr nah beieinander liegen.

Palast der Miserablen, Abbas Khider, 2020, Hanser, 320 Seiten, 23,00€.

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