Ein kritischer Blick

Foto: privat

Von Annika Schmidt

Das war sie nun also, die letzte Ersatzveranstaltung der LiteraTour Nord für uns. Mit Olga Grjasnowa haben wir über ihren Roman Der verlorene Sohn gesprochen (die Rezension ist hier zu finden). Wie bei fast all diesen Veranstaltungen ging es nicht nur um den vorgestellten Roman, sondern vor allem auch um das Schreiben, Ideenfindung und die veranstaltungsfreie Zeit während der Pandemie.

Die Autorin wirkte locker und entspannt und brachte mich mit ihren kleinen Spitzen des Öfteren zum Schmunzeln. Sie sprach über ihre lange Recherchearbeit für jedes Buch. Viel erfährt sie in Büchern oder Archiven, aber um diese Dinge zu überprüfen und die Stimmung der Romanspielorte einzufangen, reist sie gerne zu eben diesen und führt auch Interviews mit verschiedenen Menschen. Für Der verlorene Sohn war sie zum Beispiel in Kontakt mit einer Historikerin, die sich mit der russischen Adelsgeschichte beschäftigt. Da diese aber nur an der Farbe der Eremitage in St. Petersburg etwas auszusetzen hatte, wie Grjasnowa erzählt, ist ihr die Recherche wohl gut gelungen. „Das war mir für den Roman aber nicht wichtig, welche Farbe richtig ist“, sagte Grjasnowa. Neben den ausfallenden Reisen, die die Autorin für ihr neues Projekt nach Russland, Belarus und Israel antreten wollte, ist wie für viele Eltern auch die Kinderbetreuung zu bedenken. Da schreibende Menschen aber fast immer im Home Office arbeiten, ist dies für Grjasnowa nichts Neues. Sie erzählte, dass sie den Menschen sehr dankbar ist, die, während sie schreibt, auf ihre Kinder aufpassen. Wie das im Home Office sein kann, bekamen wir zu sehen, als zwischendurch eines ihrer Kinder mit vorm Laptop saß.

Doch nicht nur auf der persönlichen Seite ist es manchmal schwierig Autorin zu sein. Auch die gesamte Literaturbranche kann eine Herausforderung sein. Wir sprachen über die Streichungen im Literaturprogramm von WDR und NDR, aber auch über die Literaturkritik im Allgemeinen. Grjasnowa gab an, dass die Literaturkritik vielfach simpler werde, indem sie zum Beispiel auf Instagram ausgelagert werde, da im TV entweder Sendungen gestrichen werden oder die, die noch da sind, selbst für Literaturschaffende wenig interessant sind. Es sei ein Problem, wenn dem Publikum nichts mehr zugetraut werde und daher alles einfach gehalten werde. Der Aufbau Verlag rechnete zum Beispiel nicht mit einem so großen Erfolg von Sigrid Nunez „Der Freund“, da es sehr komplex um literarisches Schaffen gehe. Und dennoch war der Roman wochenlang auf der Spiegel-Bestseller-Liste. Hier möchte ich allerdings anmerken, dass der Roman auch gut nur wegen der Geschichte des Hundes gelesen werden kann. Andererseits möchte ich der Vereinfachung nicht vollends zustimmen, da auch auf Instagram gerade in Live-Streams oder länger angelegten Lese-Projekten durchaus fundierte Diskussionen über Literatur aufkommen. Es hat sein für und wider.

Grjasnowa blickte jedoch nicht nur kritisch auf die Literaturbranche, sondern auch auf sich selbst. Sie ist nicht der Meinung, dass es in all ihren Romanen um Herkunft geht, sondern nur in Der verlorene Sohn. Auch maß sie dem Herkunftsbegriff weniger Bedeutung bei, als es sonst oft in Diskussionen der Fall ist. Für sie sei die Herkunft weniger essenziell für die Identitätsbildung, als es gemeinhin oft behauptet wird, da diese etwas Fluides sei. Damit schmälerte sie ein wenig ihre eigene Arbeit, denn bereits vor Beginn dieses Romans vertrat sie die These, dass der Junge Jamalludin Schamil, der vom Kaukasus nach Russland entführt wurde, niemals ganz in der russischen Kultur aufgehen konnte, da er zwischen zwei Kulturen stand. Diese Annahme war entgegen der bereits zahlreich erschienenen Romane und Sachbücher, die sich mit demselben Stoff beschäftigten. Oft wurde dort aber nur am Rande über Jamalludin berichtet und er wurde als gänzlich angepasst an Russland beschrieben.

Grjasnowa ging mit der Figur des Jamalludin sogar zu zwei Psycholog*innen, von denen sie einen zunächst überzeugen musste, dass sie wirklich Autorin ist und mit der Recherche beschäftigt war.  Sie erzählte von ihrem Roman und der Figur und suchte gemeinsam mit den Psycholog*innen den Punkt, an dem die Figur brechen müsste, weil die verschiedenen Erwartungen zu viel werden. Die Psycholog*innen bestätigten, dass Jamalludin aufgrund der Bindungstheorie nicht in der russischen Kultur aufgehen konnte. Der Einsatz von Autor*innen für ihre Romane ist immer wieder bemerkenswert. Auf Nachfragen gab Grjasnowa zu, dass die Bindungstheorie dem eurozentristischen Blick entstammt und es fraglich ist, ob sie eins zu eins auf andere Kulturen anwendbar ist. Jedoch sagte sie auch, dass sie den Roman für ein zeitgenössisches Publikum geschrieben hat und dementsprechend agierte. Dieser Ansatz ist im Roman durchaus spürbar und macht ihn so gut lesbar.

Es war ein interessanter Abend mit spannenden Themen und einer ebenso interessanten Autorin. Vielen Dank an Prof. Dunker, der diese Abende möglich gemacht hat.

Die Lesung von Olga Grjasnowa bei der LiterTourNord gibt es hier zum nachgucken.

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