Von der Idee zur Lesereise

Aufnahme der Video-Lesung mit Olga Grjasnowa, Moderation: Julia Menzel, Foto: Literaturhaus Hannover

Von Annika Schmidt

Sieben Städte, 20 Institutionen, sechs Autor*innen und eine Lesereise. All dies zeichnet die LiteraTour Nord aus und muss gut durchdacht und koordiniert werden. Diese Aufgabe fällt dem Literaturhaus Hannover und dessen Leiterin Kathrin Dittmer zu. Zudem ist das Literaturhaus Hannover auch noch Veranstalter der Lesungen in Hannover. Über ihre Erfahrungen mit der Organisation und den Erlebnissen der Lesereise hat mir Kathrin Dittmer am Telefon Rede und Antwort gestanden.

Die LiteraTour Nord gibt es seit 1992, 1993 kam Hannover dazu. Wie kam es dazu, dass die Koordination dem Literaturhaus Hannover zufiel und seit wann sind Sie selbst dabei?

Der Idee zur LiteraTour Nord kam von Dirk Grathoff. Er war Professor für Deutsche Literaturwissenschaft an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg und hat Professorenkollegen (ja, das waren damals alles Männer) und Buchhandlungen gefragt, ob sie seine Projektidee mittragen. Nach einem Start mit Oldenburg, Bremen und Hamburg kamen mehr Städte dazu, gleich in der zweiten Runde Martin Rector von der Universität Hannover. Später gab es auch Wechsel bei den Veranstaltern. Als der bisherige Förderer ausstieg, konnten Martin Rector und ich die VGH Stiftung als Partnerin gewinnen. Seitdem sorge ich für die finanzielle Seite des Projekts und zusammen mit der VGH Stiftung für die Ausrichtung der Preisverleihung. Später übernahmen wir auch die Koordination der Lesereise. Persönlich bin ich seit 2001 dabei.

Die Universitäten haben sehr unterschiedliche Projekte im Zuge der LiteraTour Nord. In Hannover wurden Autor*innenporträts gefilmt, Rostock veröffentlicht Pro und Contra Rezensionen in der Zeitung. Wie wichtig ist Ihnen dieser Teil der LiteraTour Nord und wie fruchtbar finden Sie diesen Gang der Universität an die Öffentlichkeit? Sorgt dies für mehr jüngeres Publikum?

Jede Stadt veranstaltet eine Lesung und zusätzlich gibt es ein Projekt an der Universität. Das macht diese Lesereise so besonders. Einige Universitäten haben über die Jahre ihre Projekte verändert und das wird auch mit dem großen dezentralen Team abgesprochen, aber es liegt letztendlich in der Verantwortung der Lehrenden. Viele haben den Ehrgeiz auch Gegenwartsliteratur zu besprechen, was im Germanistik-Studium oft zu kurz kommt. Außerdem geben einige Projekte Einblicke in journalistische Tätigkeiten. In Hannover arbeiten wir seit einigen Jahren mit der Hochschule Hannover zusammen. Die angehenden Fernsehjournalist*innen erstellten Autor*innen-Portraits. Dieses Jahr werden durch Prof. Köpke und sein Team alle Lesungen durch die Azubis der Fernsehtechnik aufgezeichnet. Wilfried Köpke ist übrigens auch Vorsitzender unserer LiteraTour Nord Jury. Es gibt aber auch Projekte, die universitär bleiben und nicht an die Öffentlichkeit gehen. Trotzdem können wir so auch besseren Kontakt zu einem jüngeren Publikum aufbauen.

Jedes Jahr gibt es sechs neue Autor*innen. Wie werden die Autor*innen für ein Jahr ausgewählt? Sind alle Institutionen bei diesem Prozess dabei?

Wir Veranstalter*innen entscheiden das alle gemeinsam. Da wir aus verschiedenen Teilen der Literaturbranche kommen, bringen auch alle einen unterschiedlichen Blick mit. Für Buchhandlungen, Universitäten und Literaturhäuser sind unterschiedliche Aspekte wichtig und so ergibt sich eine gute Mischung. Es wird nur aus aktuellen Neuerscheinungen ausgewählt bzw. aus denen, die noch im Herbst erscheinen, denn wir entscheiden uns im Juni. Pro Stadt gibt es dann sechs Vorschläge, aus denen wir auswählen. Kriterien sind dabei, dass es kein Selbstverlag ist, kein Debüt-Roman und, dass die Autor*innen noch keine anderen hochkarätigen Preise gewonnen haben. Das passiert dann allerdings im Nachgang zum Teil oder wie in diesem Jahr mit Anne Weber kurz vor Start unserer Lesereise. Wir möchten gestandene Autor*innen präsentieren, bevorzugt solche, die noch nicht dabei waren. Es sei denn, die Teilnahme liegt schon zehn Jahre zurück. Wir hatten im 20. Jahr zum Beispiel eine Jubiläumsrunde mit Autor*innen, die schon einmal da waren. Klaus Modick war allerdings ohne Jubiläumsrunde schon zweimal eingeladen, aber das passiert selten.

Die LiteraTour Nord 20/21 ist so ganz anders als die bisherigen. Gab es in früheren Jahren schon einmal ähnlich große Schwierigkeiten und wie wurde damit umgegangen?

Nein, zum Glück nie. Es haben schon mal Autor*innen abgesagt und auch Terminschwierigkeiten gab es schon. Aber selbst bei unserem Förderungswechsel mussten wir kein Jahr aussetzen. Und das wollten wir auch dieses Jahr nicht. Wir kochen vielleicht eine dünnere Suppe, aber wir kochen eben noch eine. Glücklicherweise haben wir auch von den Verlagen die Zustimmung bekommen, alle Lesungs-Videos auch bis zum Ende der Lesereise Online zu lassen.

Gab es in den letzten Jahren eine besonders schöne Begegnung für Sie?

Das ist nicht leicht zu beantworten. Generell sind die Veranstaltungen immer eine Belohnung für die Arbeit. Ich habe den Luxus, viele interessante Begegnungen zu haben. Geistiger Input von Anderen ist wichtig. Die Preisverleihung ist natürlich immer ein Höhepunkt. Das wird in diesem Jahr auch schwieriger, aber ein schöner gemeinsamer Abschluss der Lesereise ist wichtig.

Gibt es den Plan, die Lesereise auf noch mehr Städte auszuweiten oder ist das Kontingent erschöpft?

Ja, es gibt Interesse von weiteren Städten, Teil der LiteraTour Nord zu werden. Osnabrück kam gerade neu dazu. Mit sieben Städten ist die LiteraTour Nord aber schon eine recht große Lesereise für die Autor*innen, neben meist noch anderweitigen Veranstaltungen. Das könnte mancher Autor*in zu viel werden. Die Förderung der VGH Stiftung deckt die Projekt-Overheadkosten und lobt den mit 15.000 Euro dotierten Preis aus. Die Honorare der Autor*innen und die Hotelkosten tragen allerdings die Veranstalter*innen. Die Moderator*innen der Universitäten machen ihren Job ehrenamtlich. Es ist nicht auszuschließen, dass noch einmal eine Stadt dazu kommt, es müsste aber passen, auch bei der Finanzierung.

Eine*r der Autor*innen bekommt zum Ende der Lesereise den Preis der LiterTour Nord. Normalerweise wird dieser aus einer Jury-Entscheidung und der Publikums-Entscheidung ermittelt. Wie läuft das in diesem Jahr ab?

Die Jury stimmt ganz normal ab wie in jedem Jahr. Für das Publikum haben wir uns auch etwas überlegt. Von den Veranstalter*innen gibt es Stimmzettel, die vor Ort erhältlich sind. Als Zuhörer*in kann man abstimmen, wenn man alle Videos geschaut hat. Wir haben in jedem Lesungsvideo ein Code-Wort versteckt, was nicht im Schnelldurchlauf gefunden werden kann. So kann das Publikum alle Lesungen Online sehen und gleichzeitig noch mitstimmen.

Anstelle der geplanten Lesungen in den einzelnen Städten werden dies Mal Lesungen aufgezeichnet. Gibt es die Möglichkeit für das Publikum Fragen zu stellen? Die Kommentare unter den Videos sind deaktiviert.

Das Publikum hat in diesem Jahr keine Möglichkeit Fragen zu stellen. Wir hatten von Anfang an vorgesehen, Aufzeichnungen zu machen, zusätzlich zu den Lesungen vor Ort. Das hat sich dann beim Veranstaltungsverbot als großer Glücksfall erwiesen. Aus technischen Gründen sind wie beim ursprünglichen Format geblieben. Bei einem noch längeren Lockdown wären Livestreams aber eine Alternative. Unsere Hoffnung war auch, dass wir im Herbst wieder Veranstaltungen machen dürfen, daher haben wir uns zunächst auch nur stückweise für die Videos entschieden.

Was wünschen Sie sich für die LiteraTour im nächsten Jahr?

Ich wünsche mir für die gesamte Kulturbranche, dass wir wieder Menschen zu uns einladen dürfen. Kultur braucht den Austausch mit anderen Menschen. 2020 war sehr schwierig, weil wir ein Angebot aufrechterhalten mussten, ohne die üblichen Routinen und auch ohne Einnahmen. Unsere Förder*innen haben da aber sehr geholfen. Das Literaturhaus Hannover arbeitet mit einem Netzwerk von Selbstständigen zusammen – zum Beispiel bei der Veranstaltungstechnik, beim Vorverkauf und der Werbegestaltung. Diese Menschen tragen zum Gelingen unsere Arbeit maßgeblich bei. Bitter ist, darauf warten zu müssen, wer nach der wirtschaftlichen Belastung durch die Pandemie noch dabei sein kann. Auch deswegen hoffe ich auf eine Belebung der Kultur für alle.

Vielen Dank an Kathrin Dittmer für das schöne und interessante Interview und für die Arbeit bei der Literatur Nord!

Kathrin Dittmer, Foto: Thomas Preikschat, Literaturhaus Hannover

In Kürze:
Die LiteraTour Nord schickt Jahr für Jahr sechs Autor*innen auf Lesereise nach Oldenburg, Bremen, Lübeck, Rostock, Lüneburg, Hannover und seit diesem Jahr auch Osnabrück. Zentral ist dabei die enge Kooperation zwischen den lokalen Literaturinstitutionen und Universitäten, die begleitend zu den Lesungen Lehrveranstaltungen anbieten. Zwei Mal pro Jahr treffen sich Vertreter*innen der Institutionen der teilnehmenden Städte: Um gemeinsam das Programm zu gestalten und als Jury für den Preis der LiteraTour Nord, der mit 15.000€ dotiert ist.
In diesem Jahr waren Roman Ehrlich, Anne Weber, Iris Wolff, Leif Randt, Anna Katharina Hahn und Olga Grjasnowa dabei. Statt der Live-Veranstaltungen werden und wurden die Lesungen in Hannover aufgezeichnet und bei YouTube veröffentlicht.

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