Im ehemaligen Paradies

von Felix Krause

Foto: privat

Das Wasser steht in den Straßen von Malé, der ehemaligen Hauptstadt der ehemaligen Malediven, eine schmatzende, schmierig-stinkende Brühe, Plastikmüll schwimmt darin. Die „Brücke der Freundschaft“, die die Hauptinsel Malé einmal mit den kleineren Inseln Hulhulé und Hulhumalé verbunden hat, ist schon seit Jahren abgebrochen und gähnt über die Meerenge. An die Zivilisation, die hier zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch lebte, erinnern nur noch wenige Denkmäler und Monumente. Etwa der alte Zerberusbaum, 1932 „als Symbol der Wehrhaftigkeit und Unerschrockenheit dieser neuen demokratischen Gesellschaft“ gepflanzt, inzwischen wegen Durchseuchung des Grundwassers längst gestorben. Oder Fotografien der Unterwasserkabinettssitzung der maledivischen Regierung von 2009, bei der der Inselstaat vor der Pariser Klimakonferenz auf seine akute Bedrohung durch den Klimawandel aufmerksam machen wollte. Eine der wenigen verbliebenen Ausstellungsstücke im zerfallenen und geplünderten – ehemaligen – Nationalmuseum.

Roman Ehrlich nimmt uns in Malé mit in eine nicht näher datierte Zukunft, irgendwann jenseits der 2030er Jahre. Die Malediven als Staat sind zusammengebrochen. Die meisten Einheimischen haben die Inseln verlassen, die nach und nach im Meer versinken. Jetzt tummeln sich hier andere Gestalten: Weltenbummler*innen, Künstler*innen, Ausgestiegene, kurz: Menschen, die durch das Raster des weltweiten Turbokapitalismus hindurch fallen. Wir begegnen Heidi Peck, Betreiberin der Kneipe Blauer Heinrich, die die Vision einer schwimmenden Insel aus Plastikmüll als zukünftige Lebensgrundlage verfolgt. Oder dem minderjährigen Timo Kröcher, der sich gerne von den etwas Wohlhabenderen in den Hühnersultan einladen lässt, um sich anschließend mit der neuartigen Droge Luna zu berauschen. Das ehemalige Paradies als Sammelbecken derjenigen die „sich selbst zur finalen Party“ eingeladen haben. Doch das Licht ist längst an und die Musik längst aus. Denn Roman Ehrlichs Zukunftsvision ist ganz schön trostlos. Die soziale Utopie ist ein trauriger Haufen von Eigensinnigen, ihre sogenannte Freiheit ein permanentes Ausgeliefertsein: Wind und Wasser, der Isolation, nicht zuletzt der Willkür der Eigentlichen, einer Gruppe entindividualisierter Milizionär*innen, die ganz in der Nähe auf einem ehemaligen Kreuzfahrtschiff ihre Basis haben, mit den Ausgetiegenen „Handel“ betreiben, aber auch gerne mal Inselbewohner*innen entführen und ermorden. Aber immerhin – im Gegensatz zum zufälligen Wahnsinn und wahnsinnigen Zufall auf Malé – haben die Eigentlichen so etwas wie eine funktionierende Organisationsform für sich gefunden.

Zwischen Lebenslust und Todessehnsucht

Ehrlich, der mit gehöriger Distanz eine Vielzahl von Figuren begleitet, ihre Wege sich kreuzen lässt, fragt nach einem Neuanfang. Das Ende der großen Erzählungen und Ideologien, so scheint die These, bedeutet allerdings nur eine Vielzahl neuer Wahrheiten. Malé als apokalyptisches Stimmengewirr. Hier geistern Textfetzen des Dichters Judy Frank herum, die den Selbstmord als letzten emanzipatorischen Akt verherrlichen. Dort erzählt der pensionierte Schiffskoch Harrison Odjegba Okene von seiner „göttlichen Rettung“, nachdem er drei Tage in einer Luftblase eines gesunkenen Schiffs überlebte. Lebenslust und Todessehnsucht liegen in Malé eng beieinander. Valeria (Achtung!) Lenín will den Patriarchen der Ausgestiegenen entthronen, indem sie ihre Geschäftsbeziehungen mit den Eigentlichen, d.h. den Drogenhandel mit Luna an die Abhängigen der Insel, ausweitet. Und der (Achtung!) Fährmann, der Müll und Tote entsorgt, stellt über die allgemeine Ignoranz der Inselbevölkerung fest: „Darin unterscheiden sie sich übrigens überhaupt nicht von der Gesellschaft, die hier vor dem Sturz ihren Müll produziert hat.“ Etliche Diskurse werden symbolträchtig befeuert, ohne jedoch, dass Roman Ehrlich sich zu moralischen Bewertungen hinreißen ließe. In dem skurrilen Figurenkabinett bleibt das ganze Personal dabei eigenartig unnahbar. Eine wirkliche Nähe kann man kaum aufbauen, so kühl, in seiner Mechanik dann doch wieder poetisch, reiht Ehrlich einzelne Fragmente aneinander. Wirkliche Beweggründe erfährt man nicht. Momentaufnahmen treten an die Stelle einer geradlinigen Erzählung. Das ist wirklich beachtlich: Der Autor erklärt so gut wie nichts, muss nichts erklären, so viel verraten schon kleine Beobachtungen, Andeutungen und Bilder, die aber zu keiner Zeit abgedroschen erscheinen und die in ihrer Gesamtheit ein wildes, morbides Mosaik ergeben.

Roman Ehrlich, vielfach ausgezeichnet und mit Malé für den Deutschen Buchpreis nominiert, ist mit seiner Dystopie ein echtes Kunststück geglückt. Ungemütlich in Inhalt und Form entwirft er eine Welt, die anders sein wollte, in der sich aber schon die nächsten Widersprüche auftun. Ein hochkomplexer Text, der klug die Welt analysiert und eine sehr eigenwillige Interpretation der Zukunft wagt, der dennoch vieles offen lässt und sich an Urteilen zurückhält. Der Dichter Judy Frank hatte sich Malé vorgestellt wie Westberlin in den 1980er Jahren, heißt es an einer Stelle. Aber statt in den Mauerfall münden zu können, steht auf den Inseln der Malediven die Zäsur am Anfang. Das Wasser in den Straßen von Malé steigt jedoch weiter.

Roman Ehrlich, Malé, S. Fischer Verlag, 288 Seiten, 22,-€.

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