Entfremdung, Alltagsflüchte und Märchenhaftes

von Nele Sophie Cichon

Foto: privat

Was mit klebrigen Pfannenkuchen an der Decke und knallenden Türen beginnt, entwickelt sich zu einer scheinbar alltäglichen und dennoch komplexen und emotionsgeladenen Familiengeschichte. Elisabeth muss auf ihre Enkel, die wunderschöne Stella und den stark übergewichtigen Bruno, aufpassen, denn deren Mutter Cornelia braucht nach ihrer gescheiterten Ehe eine Auszeit. Sie begibt sich auf Ahnensuche an die Ostküste der USA. Dorthin ist nämlich ihre Großmutter Trudele in der Weltwirtschaftskrise Anfang des 20. Jahrhunderts ausgewandert, um für längere Zeit im Hotel ihrer Verwandten zu arbeiten. Aus der Perspektive des Linsenmaiers, eine Puppe die Cornelias Großmutter in die USA begleitet, erfahren Lesende von Trudeles Leben und Leid in Pennsylvania. Elisabeth wurde kurz vor dem USA-Trip ihrer Tochter von Ehemann Hinz verlassen, wovon sie jedoch niemandem erzählt.

Aus stetig wechselnden Perspektiven erfahren Lesende, wie es den einzelnen (jedoch nicht allen) Figuren geht und was sie beschäftigt. So zeichnet sich aus Elisabeths Perspektive ein erbarmungsloser Zusammenstoß der Generationen ab, welcher ihr stark zu schaffen macht: „Spoiler mich nicht, spoiler mich bloß nicht, Alter!“ (67). Was ist spoilern? Elisabeth war froh, dass sie Skype und WhatsApp bedienen kann. Erklären will ihr diesen neuen Begriff niemand. Wenn Stella ihrer sich stets sorgenden Großmutter dann noch folgendes an den Kopf knallt, ist schon vieles gesagt: „Omi, du bist so was von asozial!“ (76).

Konnten in einem Kapitel aus Elisabeths Sicht Brunos tränenreicher Videoanruf bei seiner Mutter beobachtet werden, wird dasselbe Geschehen in einem späteren Kapitel aus Cornelias Perspektive erzählt. Lesende werden von einem Ort zum nächsten gerissen. Die Handlung gewinnt so an Spannung, ist energisch und unvorhersehbar. Banal erscheinende Alltagssituationen werden auf diese Weise dramatisch und komplex. Dennoch kommt an der ein oder anderen Stelle der Wunsch auf, noch länger an einem Ort zu verweilen, bzw. noch mehr aus der Perspektive einer Figur zu erfahren. Durch die oft unerwarteten Perspektiv- und Ortswechsel wird der Lesefluss an spannenden Stellen unterbrochen und ein Cliffhanger leiten zum nächsten Kapitel über.

Die Autorin bedient sich vieler Symbole und literarischer Anspielungen. So lässt der anfangs erwähnte Pfannenkuchen auf das Märchen Vom dicken fetten Pfannekuchen schließen. Ein direkter Verweis darauf, dass Essen, in Zusammenhang mit Brunos Übergewicht, ein zentrales Thema ist? An die Welt der Märchen erinnert ebenfalls der Linsenmaier, durch dessen Perspektive Lesende in die Vergangenheit eintauchen und das erfahren, wonach Cornelia in den USA auf der Suche ist. Diese Technik ist erfrischend und lockert die Handlung auf, man muss sich jedoch darauf einlassen können. Wenn der Linsenmaier nämlich seine Eifersucht auf eine andere Puppe kundtut, wird es kurzfristig gewöhnungsbedürftig.

In Aus und davon nimmt Anna Katharina Hahn kein Blatt vor den Mund, beschönigt nichts. Sie scheint eine klare Distanz zu ihren Figuren aufgebaut zu haben, dennoch schafft sie es, ihre Figuren die privatesten und persönlichsten Gedanken ausdrücken zu lassen. Das Alltagsleben, in dem jede*r ganz eigene Probleme, Sorgen und Ängste hat, zieht Lesende in die Tiefen und Verworrenheit eines Familienlebens, das vielleicht so am Anfang gar nicht erwartet wurde.

Aus und davon, Anna Katharina Hahn, Suhrkamp, 2020, 308 Seiten, 24 Euro.

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