Eine Autorin, die weiß, was sie will

von Nele Sophie Cichon

Foto: privat

Eigentlich sollte die „Ersatzlesung“ mit Anna Katharina Hahn im Rahmen der LiteraTour Nord erst um 18.15 Uhr beginnen, doch zufällig befanden sich die Autorin, eine andere Studentin und ich schon um 18 Uhr im digitalen Raum. Und jetzt? Ton und Bild einfach noch nicht anschalten und abwarten, was passiert? Nein, nicht so mit der Schriftstellerin. Sie schaltete Bild und Kamera frei und war direkt daran interessiert, wie sich die COVID-19-Pandemie auf den Unialltag auswirkt. Nach lockerem Smalltalk kamen schließlich auch der Dozent, und Mitveranstalter der Bremer LiteraTour Nord, Prof. Axel Dunker (ein Interview mit Axel Dunker finden Sie hier) und die restlichen Studierenden dazu. Das hat der entspannten Stimmung der letzten 15 Minuten nicht geschadet, ganz im Gegenteil: Es kam zu einem lebhaften Austausch von Fragen und Antworten. Anna Katharina Hahn wirkte während der Diskussion rund um ihren aktuellen Roman Aus und davon (die Rezension finden Sie hier) entspannt, nahbar und offen, aber auch pragmatisch und realistisch.

Zuallererst berichtete Hahn auf Nachfrage, dass sie trotz der aktuellen Lage in einer guten Situation sei, weil ihr Buch sehr gut ankäme und sie gut etabliert sei. Dennoch konnten viele Lesungen im Jahr 2020 nicht stattfinden, wobei es sich um einen großen finanziellen Verlust handele. Auch Schriftsteller*innen müssen von etwas leben, in einem Beruf der viel Zeit und Kraft brauche: Die Ernte müsse (auf Tour) eingefahren werden, vor allem nach einem langen Schreibprozess (Arbeit an Aus und davon: drei Jahre). Sehr detailliert beschreibt sie den Aufwand, den sie für die intensive Recherche betreibt und es ist unüberhörbar, dass ihr genaues Hintergrundwissen wichtig ist. Sie macht dennoch kein Geheimnis daraus, dass sie in einer so schnelllebigen Branche rasch liefern muss und schon an etwas Neuem arbeitet. Angenehm offen und direkt spricht sie über ihre momentane Situation.

Nach diesem Einblick in das Arbeitsleben der Autorin begann die eigentliche Lesung: Etwas gekürzt las sie das 14. Kapitel Wie der Linsenmaier das Trudele nach Meadville begleitete und von welcher Art ihre Verwandten waren lebendig und dynamisch vor. Danach die erste Frage aus dem Plenum: Warum an dieser Stelle die Perspektive des Linsenmaiers? Hahn antwortete prompt: Sie habe sich sehr damit beschäftigt, wie sie mit dem historischen Stoff in ihrem Roman umgehen solle (vielleicht durch Briefe nach Hause?). Dem Historischen Roman stehe sie sehr skeptisch gegenüber und wollte „Horror und Kitsch“ vermeiden. Damit verbinde sie Klischees, wie zum Beispiel (sinngemäß): Frau findet Brief oder Tagebuch in Koffer auf dem Dachboden und dann geht es los. Direkt und ehrlich. Sie erzählt von ihrer Vorliebe für Puppen als literarisches Mittel und erklärt, dass es schlichtweg keine menschliche Figur sein sollte. Durch seine Füllung stehe der LINSENmaier für einen verbindenden eucharistischen Moment, dessen Auswirkungen Vergangenheit und Gegenwart in der Handlung des Romans verbinde.

Wie bewerte sie die Aussage, dass es sich um den Familienroman des 21. Jahrhunderts handle? Schwierig. Der Klappentext sei Verlagswerbung und sie wolle ihren Roman nicht auf einen Themenbereich festlegen. Es sei ein Roman über die Gegenwart und nicht nur über Familie, sondern auch andere Dinge stehen im Fokus. Hahn verdeutlicht, dass sie über Menschen und deren Probleme schreiben möchte. Das Thema Familie biete jedoch die Möglichkeit, viele Themen zu beschreiben und „aufzudröseln“. Sie macht jedoch unmissverständlich deutlich, dass sie ihren Roman nicht mit einem bestimmten Label versehen möchte. Interessant ist, dass sie im Verlauf der Veranstaltung immer wieder betont, dass sie langsam arbeite, und das nicht nur aufgrund ihrer ausführlichen Recherche, sondern auch weil sie eine Familie habe: Zwei Söhne, einen Ehemann und einen Vater, den sie pflegte. Die Familie scheint ihr sehr wichtig zu sein, was man auch ihren Büchern anmerkt. Vielleicht schreibe sie ja schneller, wenn ihre Söhne ausgezogen sind. Ne, wohl nicht. Sie sei einfach langsam und beobachte viel und gerne die Natur. Ich muss schmunzeln und weiß jetzt, warum ich das Gespräch so interessiert verfolge: Die Autorin spricht wie selbstverständlich über ihre Arbeit und von den Dingen, die sie dabei beeinflussen und beschäftigen. Mit so persönlichen Einblicken in ihr Leben habe ich wohl einfach nicht gerechnet. Außerdem habe sie eine große Anzahl literarischer Vorbilder, dessen Lektüre sie sich ausgeprägt widme und wie schon Iris Wolff in einer der vergangenen Lesungen (den Veranstaltungsbericht finden Sie hier) nennt sie mehrfach Hermann Lenz, einen Autor, den man ihrer Meinung nach mehr lesen solle.

Andere nicht zu vernachlässigende Themenblöcke des Romans und auch des Gesprächs waren Pietismus, Religion und das „andere Stuttgart“: Der Industriestandort in dem Romanfigur Cornelia mit ihren Kindern lebt und in welchem Großmutter Elisabeth sich nicht wohlfühlt. Elisabeth wolle sich von dem Stuttgarter Pietismus ihres Vorstadtlebens lösen, das klappe jedoch nur bedingt, denn Kindheit und Jugend seien prägend. Ob man wolle oder nicht. Hahn habe viel über Pietismus gelesen und findet, dass dieser in der Mentalität Baden-Württembergs noch zu spüren sei. Das habe sie dann in ihrem Roman aufgegriffen. Lachend erinnert sie sich an dieser Stelle, dass ihr einmal eine trockne? Bretzel und ein Apfel bei einer Lesung als hochgepriesene Verpflegung angeboten wurde.

Aus den zwei akademischen Stunden hätten ohne Zweifel vier werden können, denn es gab viele Meldungen der Studierenden und großes Interesse an Anna Katharina Hahn und ihrem Roman Aus und davon. Die erfrischende und sympathische Art der Autorin hat sicherlich einen Großteil dazu beigetragen.

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