Die LiteraTour Nord in Bremen ganz persönlich: Ein Interview mit Axel Dunker

von Nele Sophie Cichon

Foto: privat

Seit mehr als zehn Jahren lehrt Prof. Dr. phil. Axel Dunker Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Literaturtheorie an der Universität Bremen. Außerdem ist er Mitveranstalter der Bremer LiteraTour Nord, welche dieses Jahr aus gegebenem Anlass nicht wie gewohnt stattfinden konnte. Dennoch ist es ihm gelungen, einige Autor*innen für Zoom-Lesungen mit Studierenden zu gewinnen, die sich größtenteils und ganz überraschend zu sehr persönlichen Veranstaltungen entwickelt haben. Die Fragen beziehen sich dennoch nicht nur auf die aktuelle Situation, sondern ebenfalls auf vergangene LiteraTouren und Zukunftsüberlegungen. Warum wir dieses Interview lieber per E-Mail und nicht bei einem persönlichen Treffen durchgeführt haben, liegt wohl auf der Hand.

Was macht die LiteraTour Nord Ihrer Meinung nach besonders und sind die Ersatzveranstaltungen online Ihrer Meinung nach ein gutes Äquivalent?

Das Besondere an der LiteraTour Nord ist die Zusammensetzung der Jury aus Uni-Dozent*innen, Buchhändler*innen und Literaturhausmitarbeiter*innen. Anders als üblich ist dadurch auch die Zusammensetzung des Publikums bei den Lesungen: es sind wesentlich mehr jüngere Leute dabei, als bei solchen Veranstaltungen üblich ist. Die Atmosphäre, die dadurch entstehen kann, lässt sich digital nicht ersetzen.

Gab es etwas bei den Zoom-Veranstaltungen, was Sie besonders überrascht hat?

Ich war positiv überrascht, wie ernsthaft und konzentriert Iris Wolff und Leif Randt bei der Sache waren und wie bereitwillig sie auf die sehr unterschiedlichen Fragen eingegangen sind.

Mit Rückblick auf die vergangenen Jahre: Welche*r Autor*in hat Ihnen besonders gefallen oder ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben? Welcher Roman hat Ihnen dieses Jahr am besten gefallen?

In meinem ersten Jahr bei der LiteraTour Nord (2015/16) war Ulrich Peltzer mit seinem Roman „Das bessere Leben“ dabei – dass er damals nicht den Preis bekommen hat, ärgert mich immer noch. Ich habe das Buch, das ich nach wie vor sehr bewundere, seitdem mehrfach wiedergelesen und auch einen Aufsatz darüber publiziert. Für dieses Frühjahr ist ein neuer Roman von ihm angekündigt, ich bin schon sehr gespannt darauf. Welches Buch oder welche Bücher mir in diesem Jahr besonders gefallen, möchte ich vor der Jurysitzung nicht öffentlich sagen. Den Studierenden im Seminar habe ich es aber schon verraten.

Hat sich die inhaltliche Aufstellung in den vergangenen Jahren verändert? Wenn ja: Wie würden sie diese beschreiben/verorten? Erkennen Sie einen Trend o.Ä.?

Die Zusammensetzung der Jury, die die Romane aussucht, wechselt immer mal wieder. Schon aus diesem Grund dürfte es keinen eindeutigen Trend geben. Sehr positiv finde ich, dass in den letzten zwei Jahren viele jüngere Autor*innen dabei waren. Auch das Geschlechterverhältnis (in den letzten zwei Durchgängen jeweils vier weibliche Autorinnen und zwei männliche Autoren) finde ich gut, vor allem, weil wir es bei den Jurysitzungen nicht steuern, es gibt keine Quote oder dergleichen. Entscheidend ist allein die Qualität der Bücher.

Stimmen Sie sich mit anderen Universitäten bezüglich der LiteraTour Nord ab? Und wie läuft das ab?

Nein. Jeder Moderator und jede Moderatorin stellt seine/ihre eigenen Fragen und hat einen eigenen Stil.

Zeichnet sich in der Zusammenarbeit von Universitäten und Literaturhäusern etwas Besonderes oder gar ein Spannungsfeld, wie z.B. durch eventuelle inhaltliche Vormachtstellung einer Einrichtung, ab?

Das kann ich nicht erkennen. Man könnte vielleicht vermuten, dass die Buchhändler*innen vor allem auf gut verkaufbare Titel setzen und die Uni-Leute auf ‚schwierigere‘ Bücher. In den Jurysitzungen zeigt sich aber immer wieder, dass das nicht stimmt. Die Vorlieben gehen bunt durcheinander.

Wie haben Sie sich und die Studierenden des begleitenden Seminars auf die Autor*innen und ihre Werke vorbereitet?

Ich lese die behandelten Bücher immer zweimal und versuche mir einen Eindruck vom bisherigen Gesamtwerk zu verschaffen, auch wenn ich da häufig an Grenzen des Machbaren stoße. Wie sich die Studierenden vorbereiten, müssen Sie sie selber fragen – hoffentlich durch intensive Lektüre.

Vor der Lesung und Diskussion mit Leif Randt haben Sie die Handlung seines Romans Allegro Pastell als vielleicht insbesondere ansprechend für Millennials angekündigt. Haben sich Ihnen durch die Seminardiskussionen und Wortbeiträge der Studierenden andere/neue Perspektiven/Rezeptionsansätze aufgezeigt?

Ich fand es interessant, dass Leif Randt diese Perspektive gleich zurückgewiesen hat. An den sehr unterschiedlichen Positionen der Studierenden wurde auch deutlich, dass ein solches Generationenmodell ohnehin nicht funktioniert. Da ich mich den Romanen immer auch aus einer literaturwissenschaftlichen Perspektive nähere und mir daher Konstruktion, Struktur und dergl. besonders wichtig sind, gibt es sicher immer unterschiedliche Rezeptionsansätze. (Die Veranstaltungsbesprechung zur Lesung mit Leif Randt finden Sie hier, die Rezension zu Allegro Pastell hier.)

Hatten Sie den Eindruck, dass die Autor*innen aufgrund der privateren und intensiveren Atmosphäre via Zoom unter einem geringeren oder gar keinem ‚Performancedruck‘ standen? Haben Diskussionen oder Gespräche eine andere Richtung als die von Ihnen erwartete eingenommen?

Das ist gut möglich. Vor allem wurden auch andere Fragen gestellt als bei den öffentlichen Veranstaltungen, bei denen die Studierenden sonst – leider – häufig eher zurückhaltend sind. Die meisten Autor*innen dürften sich darüber freuen, ein junges Publikum vor sich zu haben, bei Lesungen ist das sicher nicht die Regel.

Haben Sie die Zoom-Veranstaltungen mit den Autor*innen so intensiv und intim erwartet?

Ich freue mich, wenn Sie die Veranstaltungen so wahrgenommen haben. Zu erwarten war das nicht unbedingt. Man kann das sicher auch als Resultat der sehr engagierten Fragen der Studierenden sehen.

Welche Autor*innen wünschen Sie sich für zukünftige Veranstaltungen der LiteraTour Nord?

Ich hoffe, dass es bei der Mischung aus bekannten und jüngeren Autor*innen bleibt und dass alle Beteiligten weiterhin Spaß an der Sache haben, das dürfte die beste Gewähr dafür bieten, dass die LiteraTour Nord weiterhin eine erfolgreiche Veranstaltungsreihe bleibt. Das Programm in diesem Jahr mit mehreren Titeln, die für unterschiedliche Literaturpreise nominiert wurden (größtenteils nachdem wir sie für die LiteraTour Nord ausgesucht hatten), fand ich besonders attraktiv; umso bedauerlicher ist es, dass wir es keinem größeren Publikum präsentieren konnten. Ich wünsche mir, dass über die populäreren Titel auch ein Publikum für die (noch) weniger bekannten Autor*innen gewonnen wird.

Das Interview ist nach den Ersatzlesungen mit Iris Wolff (die Veranstaltungsbesprechung finden Sie hier) und Leif Randt entstanden. Den Bericht zur dritten digitalen Lesung und Fragerunde mit Anna Katharina Hahn vom 18.01.2021 finden Sie hier. Vielen Dank an Herrn Dunker, dass trotz der Pandemie zumindest ein paar Studierende in den Genuss des Austauschs mit den Autor*innen kommen konnten.

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