„Das Digitale kann nicht das echte Erlebnis ersetzen“

von Felix Krause

Das Literaturbüro Lüneburg ist im altehrwürdigen Heinrich-Heine-Haus untergebracht (Foto: „Das Heinrich-Heine-Haus in Lüneburg“ von Martin Geisler, CC BY-SA 3.0, verändert durch Felix Krause)

Die LiteraTour Nord ist ins Wasser gefallen – zumindest konnte diese Ausgabe nicht wie geplant stattfinden. Aber was bedeutet das für die veranstaltenden Institutionen? blogsatz hat mit Kerstin Fischer, Leiterin des Literaturbüros Lüneburg, gesprochen. Ein Gespräch über das Veranstalten-wollen-und-nicht-können, die Zusammenarbeit mit der Universität und die Wichtigkeit von Literatur für die Stadt.

Eigentlich stünde jetzt gerade die LiteraTour Nord- Lesereise von Anna Katharina Hahn mit ihrem Roman „Aus und davon“ an. Corona macht diese zunichte. Wie hätte denn ihr Arbeitsalltag diese Woche ausgesehen und wie sieht er nun tatsächlich aus?

Aufgrund der Corona-Maßnahmen hat sich das Veranstalten ja ganz schön verändert. Unter Coronabedingungen gab es einen Kartenverkauf nur noch im Literaturbüro. Karten mussten verbindlich per E-Mail bestellt werden, daraufhin verschicken wir die Kontoverbindung und Corona-Regeln, versuchten die Kontaktdaten frühzeitig zu erhalten. Für alle Räume, in denen wir veranstalteten, gab es Hygienekonzepte, bestuhlt wurde nach der Abstandsregelung. Das war schon sehr aufwendig. Jetzt ist es sehr ruhig im Büro. Aber wir haben genug andere Dinge zu tun. Natürlich ist es traurig, dass die Lesungen jetzt gar nicht stattfinden können. Unser Publikum war sehr dankbar, als wir im September/Oktober veranstaltet haben.

Stattdessen wurden und werden die eingeladenen Autor*innen in Hannover gefilmt und die Lesungen anschließend bei Youtube veröffentlicht. Hand aufs Herz – wie gefällt Ihnen bisher diese Ersatz-Lösung?

Zunächst mal bin ich sehr froh, dass wir diese Möglichkeit haben, weil wir in Lüneburg selber die Abendveranstaltungen nicht auf digitale Formate umgestellt haben. Wir hatten nicht die technischen Voraussetzungen dafür und ich fand, dass es bereits viele Lesungen online gab, weshalb wir das für Lüneburg nicht auch noch unbedingt machen mussten. Unser Jugendprogramm haben wir aber sehr schnell auf digitale Formate umgestellt. Grundsätzlich kann das Digitale nicht das echte Erlebnis ersetzen. Es ist doch etwas ganz anderes, wenn Menschen in einem Raum zusammenkommen und danach die Möglichkeit haben, sich über die Veranstaltung auszutauschen. Trotzdem sind digitale Formate in diesen Zeiten eine wunderbare Möglichkeit, die Literatur lebendig zu halten und dem Publikum die Möglichkeit zu bieten, die Autor*innen zu erleben. Und für die Autor*innen ist es wichtig, Ihre Bücher präsentieren zu können und auch Honorare zu erhalten.

Worauf hatten Sie sich denn persönlich bei dieser LiteraTour Nord am meisten gefreut?

Ich muss schon sagen, auf die Buchpreisträgerin Anne Weber habe ich mich besonders gefreut, vor allem, weil jetzt der Ersatztermin auch noch ausfällt. Aber insgesamt muss ich sagen, ist es jedes Jahr wieder so ein bunter Strauß an Autorinnen und Autoren, dass man sich auf jede Lesung freut und dass Gesamtbild so spannend ist, weil es so unterschiedliche Texte sind und unterschiedliche Persönlichkeiten.

Sie leiten seit 2000 das Literaturbüro und seit 2003 ist Lüneburg bei der LiteraTour Nord mit dabei. Was ist denn ihre schönste persönliche Erinnerung in der LiteraTour Nord-Historie?

Die Autorinnen und Autoren sind immer sehr zufrieden in dieser Reihe, weil ihnen das Konzept so gut gefällt. Sie mögen, dass ihr Werk im Seminar besprochen wird, dass Professor*innen die Lesungen moderieren. Das hebt die LiteraTour Nord von anderen Veranstaltungen ab. Wenn sie in Lüneburg landen, haben sie schon vier Lesungen hinter sich, sind angeregt von den Abenden. In den ersten Jahren war der verantwortliche Professor sehr eingespannt und bat mich, nach den Lesungen allein mit den Autor*innen essen zu gehen. Da war ich dann drei Jahre tatsächlich fast immer ganz allein mit den Autor*innen in der Kneipe, was sich manchmal doch ein bisschen einsam anfühlte. 2006 wurde er von Prof. Sven Kramer abgelöst, der ist jedes Mal mitgegangen und dann fingen auch die Studierenden an, mitzukommen. Es war schön, in größerer Runde zusammenzusitzen. Wir hatten tatsächlich drei, vier Studierende, die mehrere Jahre in Folge gekommen sind, obwohl sie an dem begleitenden Seminar gar nicht mehr teilgenommen haben. Sie fanden die Reihe spannend und mochten es, nach den Lesungen mit uns und den Autor*innen zusammenzusitzen.

Die engen Kooperationen der Literaturinstitutionen und der jeweiligen Universitäten sind bei der LiteraTour Nord ganz zentral. Wie finden sie diese Zusammenarbeit?

Aus der Autor*innensicht kann ich sagen, wird es sehr positiv gesehen. Und auch für uns war der Einstieg in die LiteraTour Nord eine tolle Gelegenheit. Ich habe vorher schon mit verschiedenen Dozenten an der Uni zusammengearbeitet, und geschaut, kann man inhaltlich da was zusammen machen, weil es sonst nicht so leicht ist, bei uns die Studierenden in die Veranstaltungen zu locken. Wir haben keine Germanistik oder Literaturwissenschaft, sondern Kulturwissenschaften mit einem Anteil Literatur sowie Lehramt für Haupt-, Grund- und Realschulen. Und mit der LiteraTour Nord entstand eine feste Kooperation, wodurch Studierende ganz regelmäßig in Veranstaltungen gekommen sind und darüber unser Programm viel besser wahrgenommen haben. Die Studierenden, die das LiteraTour Nord-Begleitseminar besuchen, sind aber bei den Lesungen meist sehr zurückhaltend mit Fragen (schmunzelt).

Als Literaturbüro bringen Sie auch abseits der LiteraTour Nord hochkarätige Kultur nach Lüneburg. Für eine Stadt dieser Größe ist das nicht selbstverständlich. Wie wird Ihr Programm denn angenommen?

Es gibt seit 1993 das Literaturbüro. Es gab aber schon vorher, seit 1987, die Literarische Gesellschaft. Gründer beider Institutionen ist Heinz Kattner, ein Lyriker hier aus der Region. Er hatte auch davor schon literarische Veranstaltungen in Lüneburg organisiert und mit dem Literaturbüro – auch schon mit der Literarischen Gesellschaft – von Anfang an hier hochkarätiges Programm gefahren. Er war selber gut vernetzt, hatte viele Kontakte, das war ein großer Vorteil. Und es war gleich ein gutes Publikum da. Lüneburg ist ja recht bildungsbürgerlich und es gab von Anfang an eine große Nachfrage nach den Lesungen. Wir haben sehr schöne Orte hier mit dem Heinrich-Heine-Haus, aber auch anderen Räumlichkeiten in der Stadt, aber es ist wirklich so, dass viele Autor*innen sagen, dass wir ein besonders gutes Publikum haben, das sehr konzentriert dabei ist, interessiert ist, gute Fragen stellt. Wir sind natürlich ein kleiner Ort. Das ist vielleicht auch ein Vorteil an Reihen wie der LiteraTour Nord, dass man mit anderen Veranstaltern zusammen veranstaltet und dadurch bei Verlagen eine größere Aufmerksamkeit bekommt.

Stichwort „bildungsbürgerlich“: Wer sitzt bei Ihren Lesungen immer so im Publikum? Viele Studierende? Ältere Besucher*innen? Oder sehr durchmischt?

Wie bei den meisten kulturellen Veranstaltungen ist das Publikum eher älter. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch offen ist für jüngere Literatur und für unterschiedlichste Themen. Aber in der Regel ist es trotzdem mit jedem Autor und jeder Autorin oder jedem Thema – wir haben auch Sachbuchreihen – unterschiedlich zusammengesetzt. Es kommen natürlich auch Studierende und die zwischen 30 und 50. Aber die Älteren, denke ich, haben einfach mehr Zeit. Und es ist auch eine Generation, die ein unglaublich großes Interesse an Literatur hat und für die Literatur ganz viel bedeutet.

Wie geht es in den nächsten Monaten weiter in Ihrem Haus? Arbeiten Sie an corona-konformen Literaturformaten? Oder sehnen Sie einfach nur den „Normalzustand“ herbei und hangeln sich gerade von einem Lockdown-Datum zum nächsten?

Es wird ein bisschen schwieriger. Im Herbst hat mich das irgendwie noch nicht so gestört, aber jetzt fühle ich mich schon so ein bisschen paralysiert. Es ist schwierig abzuschätzen, ab wann man wirklich wieder veranstalten kann. Wir haben Termine im April/Mai/Juni. Der März ist so ein offener Monat. Man hat keine Lust zu planen, nur um alles abzusagen. Deshalb habe ich mich entschieden, im März keine Veranstaltungen zu machen und erst nach den Osterferien wieder zu beginnen. März ist so ein Monat, der mir wirklich Schwierigkeiten macht. Danach – gefühlt – wird wieder irgendwas möglich sein und man kann mit Freude und Motivation planen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Kerstin Fischer, Leiterin des Literaturbüros Lüneburg (Foto: t&w)

In Kürze:
Die LiteraTour Nord schickt Jahr für Jahr sechs Autor*innen auf Lesereise nach Oldenburg, Bremen, Lübeck, Rostock, Lüneburg, Hannover und seit diesem Jahr auch Osnabrück. Zentral ist dabei die enge Kooperation zwischen den lokalen Literaturinstitutionen und Universitäten, die begleitend zu den Lesungen Lehrveranstaltungen anbieten. Zwei Mal pro Jahr treffen sich Vertreter*innen der Institutionen der teilnehmenden Städte: Um gemeinsam das Programm zu gestalten und als Jury für den Preis der LiteraTour Nord, der mit 15.000€ dotiert ist.
In diesem Jahr waren Roman Ehrlich, Anne Weber, Iris Wolff, Leif Randt, Anna Katharina Hahn und Olga Grjasnowa dabei. Statt der Live-Veranstaltungen werden und wurden die Lesungen in Hannover aufgezeichnet und bei YouTube veröffentlicht.

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