Drei Bücher, drei Autorinnen und eine Idee – ein Gespräch mit Katharina Mild über Out Loud

Katharina Mild mit Julia Korbik, © Katharina Mild

Von Carmen Simon Fernandez

Out Loud ist die Bremer Lesungsreihe für Autorinnen, die in ihren Büchern aktuelle und oft marginalisierte Themen behandeln. Und obwohl die Veranstaltungsreihe mit ihrer Gründung 2019 noch recht jung ist, konnte sich das Programm 2020 mehr als sehen lassen: Paula Irmschler mit Superbusen, Alice Hasters mit Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, Christina Clemm mit Akteneinsicht – alles Werke und Namen, um die man als Feuilleton-Leser*in und Social Media-Nutzer*in 2020 kaum herumgekommen ist. Gute Gründe, um sich mit dem Kopf hinter der Reihe zu unterhalten. Katharina Mild ist freie Journalistin für Radio Bremen und Deutschlandfunk und Podcasterin. In einem Video-Gespräch hat sie von der Entwicklung der Idee, den Anfängen der Reihe und der Organisation hinter den Kulissen erzählt – eine Geschichte über das „Einfach-mal-versuchen“, bei dem eine Bühne für Stimmen entstanden ist, denen zuzuhören sich lohnt. 

© Katharina Mild

Angefangen hat alles passenderweise mit drei Büchern: Wir Strebermigranten von Emilia Smechowski, Alles inklusive von Mareice Kaiser und Rattatatam, mein Herz von Franziska Seyboldt. „Ich habe diese Bücher gelesen und gedacht: Man, warum kommen solche Autorinnen nie nach Bremen? Das muss man ändern!“ Neben diesen drei Büchern stand eine weitere Idee von Anfang an im Raum: Die Arbeit mit Mentimeter, einer sogenannten interaktiven Präsentations-Software. Sie ermöglicht es dem Publikum, aktiv via Smartphone an der Veranstaltung teilzunehmen und zum Beispiel Fragen zu stellen, die dann auf einer Leinwand auf der Bühne zu sehen sind. „Auf einem Seminar ist mir dieses Tool begegnet, als Beteiligungstool, und ich fand das total super. Es war in einem pädagogischen Kontext, aber ich habe mir gedacht, wie cool wäre es, das bei kulturellen Veranstaltungen mal auszuprobieren und die Leute im Publikum damit zu beteiligen?“ Zwei Ideen also, die am Anfang von Out Loud standen – die drei Autorinnen und das Tool. Es folgte der Versuch. „Ich dachte mir, ich frage erstmal die Autorinnen an und wenn die dann keinen Bock haben, nach Bremen zu kommen oder auf so ein Veranstaltungsformat keine Lust haben, dann kann ich es auch wieder lassen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch kein Logo und nichts; nur den Namen Out Loud und ein bisschen das Konzept im Kopf. Dann habe ich die Autorinnen angefragt und alle drei haben zugesagt! Da habe ich gedacht: Ok, jetzt musst du das irgendwie machen ­– jetzt wollen die tatsächlich nach Bremen kommen. Jetzt muss ich mich darum kümmern, dass es läuft.“ Hinzukamen dann Kooperationspartner und das Lagerhaus als Veranstaltungsort. 

Und der feministische Aspekt der Gästinnenauswahl? Laut Katharina Mild zunächst Zufall. Ein Zufall in einem strukturellen Problem. „Natürlich ist mir auch bewusst, dass es einfach viel weniger Veranstaltungen mit Frauen im Bereich Literatur gibt – eigentlich generell. Mir ist auch bewusst, dass es viel weniger Sachbücher von Frauen gibt. Ich merke das, wenn ich die Verlagsvorschauen durchgucke, um mein Programm zusammenzustellen. Teilweise ist es echt erschreckend, wie wenig Frauen da bei den Sachbüchern zu finden sind. Es ist dann eher im zweiten Schritt gekommen, dass ich gedacht habe, ich will mit Out Loud speziell Frauen in der Literatur fördern und ein Forum schaffen, in dem Frauen eine Bühne bekommen.“ Die Option, irgendwann auch mal einen Mann einzuladen, schließt sie nicht aus. Aber „solange es genug Frauen gibt, die tolle Bücher schreiben, finde ich es auch gut, einfach weiterhin Frauen einzuladen.“

In erster Linie erfolgt die Auswahl des Programms, die Katharina Mild selbst vornimmt, aber nach Themen. „Mir ist wichtig, dass es Bücher sind, die eine gesellschaftliche Relevanz haben. Die ein Thema behandeln, was uns alle betrifft, was aber vielleicht in den Debatten unterrepräsentiert ist, oder Perspektiven aufzeigen, die unterrepräsentiert sind. Es sind Themen, die ich wichtig finde und Stimmen, die gehört werden sollten. Das ist der Grund, warum ich die einlade. Und die Bandbreite ist ja relativ breit.“ Die letzten Lesungen waren unter anderem zu den Themen sexualisierte Gewalt gegen Frauen, Tod und Trauer, Rassismus und Klasse und 2021 geht es ebenso vielfältig und intersektional weiter. Bei ihrer Auswahl ist Katharina Mild außerdem nicht auf cis Frauen beschränkt. Ihr Wunsch ist es, möglichst divers zu werden.

Wie ist das, wenn die Idee und das Programm dann stehen? Wie funktioniert das in der Praxis? Neben der Auswahl der Themen, Gäste und Bücher war das Mentimeter-Tool von Beginn an Teil des Konzepts. Ursprünglich aus der Idee geboren, auch bei Kulturveranstaltungen eine höhere Beteiligung des Publikums zu ermöglichen, gibt es auch einen persönlichen Grund, warum Katharina Mild sich dafür entschieden hat: „Was ich als Gast bei Lesungen immer gehasst habe, sind die Leute, die aufstehen und erstmal ihr eigenes Ko-Referat halten. Diese, die meinen, sie hätten eine ganz wichtige Meinung und anstatt eine Frage zu stellen, was eigentlich der Moment ist, erzählen die erstmal eine halbe Stunde lang ihre eigene Geschichte. Um das zu vermeiden, finde ich das nach wie vor ein sehr, sehr gutes Tool.“ 

Gleichzeitig gibt das Tool Menschen die Möglichkeit, Fragen zu stellen, die sich ansonsten vielleicht nicht trauen würden. Laut Katharina Mild funktioniert das mal besser und mal schlechter – je nach Thema, Publikum und Autorin. An diesem Punkt probieren sie und die anderen beiden Moderatorinnen, Katharina Guleikoff und Burcu Arslan, noch aus und lernen dazu. Zwei Lesungen sind ihr in Bezug auf Mentimeter besonders in Erinnerung geblieben: „Ich fand das Thema Inklusion, als Mareice Kaiser da war, super. Da kam ganz viel aus dem Publikum – auch ganz viele Fragen. Manchmal merkt man den Leuten an, die beteiligen sich gerne und ihnen brennen Sachen auf der Seele, die sie loswerden wollen.“ Und auch bei der Lesung mit Paula Irmschler aus ihrem Roman Superbusen hat es gut gepasst. Übrigens ist diese Lesung eine von Katharina Milds Lieblingslesungen, weil dort so viel gelacht wurde – „fast ein bisschen Out Loud-untypisch“. (Hier gibt es einen Blogbeitrag zu dieser Lesung.)

Dass es etwas „untypisch“ ist, wenn viel gelacht wird, liegt vielleicht in der Natur der Sache: Stimmen, die bisher nicht genug Raum bekommen haben, tabuisierte Themen. Dahinter steht der Wunsch, diesen Themen mehr Öffentlichkeit zu bieten, sie zu normalisieren, Diskurse anzuregen und weiterzubringen. Bei der Lesung mit Julia Korbik aus Stand Up – Feminismus für alle kam die Frage auf, wie damit umzugehen ist, dass beispielsweise bei feministischen Veranstaltungen oft größtenteils Feminist*innen oder Feminismus-Interessierte sitzen. Will man nicht eigentlich genau „die Anderen“ erreichen? 

„Dieser Raum hat ganz viel Wert auch, wenn es ein Raum ist, der vielleicht nicht so stark nach außen strahlt, wie man es gerne hätte. Gleichzeitig erlebe ich das aber bei Out Loud schon, dass man auch Leute erreicht, die sich mit dem Thema vorher nicht auseinandergesetzt haben. Ich hatte das immer wieder, dass Leute da sind, die hinterher sagen: Ach Mensch, von der Autorin habe ich noch nie etwas gehört! Oder: Mit dem Thema habe ich mich noch nie beschäftigt! Von daher habe ich schon das Gefühl, dass man auch Leute erreicht – weniger als ich mir erhofft hatte – die noch nicht so in diesen Diskursen drin sind, die man schon für neue Themen begeistern und sensibilisieren kann.“ (Hier geht es zum Blogbeitrag zu der Lesung mit Julia Korbik.)

Und doch schwingt der Wunsch nach mehr mit. „Das ist natürlich mein Ziel: sowohl Leute für Literatur zu begeistern, für Bücher, als auch für diese Themen und, dass die Leute merken, dass es spannend und nicht nervig ist, sich damit auseinanderzusetzen. Man hat total viel davon.“ Das scheint sich auch rumzusprechen: ab Sommer 2020 waren die Veranstaltungen immer ausverkauft. Dann kam der zweite Lockdown dazwischen und die letzten zwei Lesungen des Jahres mussten in den digitalen Raum verlegt werden. Die Videos können auf YouTube nachgeschaut werden und darüber hinaus gibt es noch einen Out Loud-Podcast mit den Aufzeichnungen der vorherigen Lesungen. Eine gute Ergänzung, um noch mehr Leute zu erreichen. Dennoch ist der Wunsch für 2021 klar: „Einfach Live-Veranstaltungen machen, zu denen Publikum kommen darf und wo auch Publikum kommt, weil sie sich dafür interessieren.“

Das weitere Programm dafür steht immerhin schon. Im April soll es weitergehen mit Emilia Roig und Why We Matter, gefolgt von Mareice Kaiser mit Das Unwohlsein der modernen Mutter und Anna Mayr mit Die Elenden im Mai. Drei Autorinnen, drei Bücher und ein Wusch – eine vielversprechende Formel, wie wir jetzt wissen. 

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