Ein Plädoyer für das Leisesein – und die Chancen des Lautseins

Foto: ©Privat

Von Henrieke Homburg

Literatur als Rückzugsort, als Arbeitsfeld, als empowerndes Moment, als sprachlicher Widerstand, als Spiegel gesellschaftlichen Wandels. Yasemin Altınay, Herausgeberin und Gründerin der Literarische Diverse, deren dritte Ausgabe schon hier auf dem Blog besprochen wurde, und des dazugehörigen Verlags, berichtet über ihre Erfahrungen als Medienkauffrau und Literaturwissenschaftlerin in der Literaturszene. Über die Chancen und Verantwortung des Publizierens und ihre ganz persönliche Motivation und Liebe zur Literatur.

Wann und wie entstand die Idee für das Magazin? Was ist für dich der besondere Anreiz, deine Motivation für das Projekt?

Die Idee hatte ich im Sommer 2019, nachdem ich einen Kongress besuchte, bei dem vor allem Frauen auf der Bühne standen. Sie waren alle selbstständig und haben eigene Projekte auf die Beine gestellt, was enorme Energie in mir freisetzte und mir Kraft gab. Mich begleitete immer der Drang, etwas Eigenes zu machen; bis zu dem Tag, an dem ich endlich die Idee hatte, die meine persönlichen Ideale und Berufliches kombiniert. Der Verlag an sich, da bin ich mir heute sicher, entstand vor allem auch aus langjähriger Beobachtung des Marktes, Reflektion des eigenen Leseverhaltens und politischer Entwicklungen, denen ich etwas entgegenstellen wollte.

Hast du wichtige Erfahrungen in der Verlagswelt, gerade im Rahmen deiner Arbeit in bereits etablierten Verlagen, gemacht, die Einfluss auf die Entscheidung hatten, die „Literarische Diverse“ in dieser Form zu verwirklichen? 

2021 ist mein zehntes Jahr in der Verlagswelt. Ich durfte seit Beginn die Machtpositionen sehen, die sich in großen Verlagen auftun. Meistens sind es cis heterosexuelle, weiße Männer, die in den obersten Abteilungen sitzen. Außerdem hatte ich oft das Gefühl, dass Aufstiegschancen kaum vorhanden sind. Das alles spielt natürlich eine Rolle dabei, wie ich heute auf den Markt blicke, und dass ich mich für die Selbstständigkeit entschieden habe. Es besetzen noch immer vorrangig weiße Menschen entscheidende Stellen, welche auch beeinflussen, ob du überhaupt eine Chance hast reinzukommen – das gilt sowohl für Mitarbeiter*innen eines Verlages, oder eben auch für Autor*innen. Für mich ist der Literarische Diverse Verlag meine eigene Ermächtigung, um all jenen eine Stimme zu geben, die bisher weniger Raum hatten und ihnen gleichzeitig den Einstieg in die Welt der Literatur zu erleichtern. Es ist schon passiert, dass Literaturagent*innen mich anschrieben, um den Kontakt zu Autor*innen aus Literarische Diverse zu suchen. Das finde ich schön und bestätigt mich in meiner Arbeit als Verlegerin. Im letzten Jahr sind außerdem zahlreiche Verlage, Magazine und andere Projekte von BIPoC und LGBTIQ+ hinzugekommen. Ich sehe also positive Tendenzen.

Welchen Kriterien folgst du bei der Textauswahl für die jeweilige Ausgabe?

Ich habe ein kleines Team zusammengestellt, mit dem ich alle Texte lese und entscheide, welche in die nächste Ausgabe hineinkommen. Die Kriterien sind ganz simpel: Passt der Text zum Thema? Ist er literarisch aufbereitet? Welche Gattung hat er? Insgesamt ist natürlich leider nur Platz für einen bestimmten Umfang, daher ist die Auswahl am Ende nicht sehr einfach. Ein weiteres, wichtiges Kriterium: Ich publiziere vorrangig BIPoC und LGBTIQ+ Stimmen, daher ist dieser background elementar.

In der Literarischen Diverse sind verschiedenste Textformen enthalten, von Interviews über Lyrik bis zu Kurzgeschichten oder Essays, mal dokumentarisch, mal abstrakt – Warum diese Vielfalt und was macht das mit dem Thema der jeweiligen Ausgabe?

Oftmals ist es Zufall, aber ich schaue auch, dass die Textformen nicht zu einseitig sind. Klar, es ist immer abhängig von den Einsendungen, was überhaupt publiziert werden kann, aber ein gewisses Gleichgewicht sollte schon herrschen: seitens der Personen dahinter, aber auch von den Textgattungen her. Das Interview ist bisher außerdem regelmäßig erschienen und zieht sich durch alle Ausgaben: anfangs mit Verlagen, dann mit der Politikerin Aminata Touré, nun mit der Autorin und Journalistin Sibel Schick. Wünsche diesbezüglich können gerne an mich gereicht werden! Ich empfinde diese Vielfalt und die Arbeit mit den Menschen dahinter super angenehm, auch wenn es zeitweise auch mal stressig wird. Das jeweilige Thema wird durch die unterschiedliche Herangehensweise vielfach beleuchtet, weswegen es jedes Mal spannend zu sehen ist, was eingesendet wird. Jedes Magazin ist quasi eine Überraschung, auch für mich.

Wie empfindest du die Verantwortung des Publizierens und die Wahl bestimmter Texte und Inhalte?

Dankbarkeit ist hier wohl das richtige Wort. Ich empfinde es als wertvolle Gelegenheit, mich im Kampf für mehr Raum für BIPoC und LGBTIQ+ Stimmen einzusetzen und dabei meinem Hobby nachzugehen. Ganz lange habe ich nicht verstehen können, wenn jemand gesagt hat, dass sich die eigene Arbeit nicht wie „Arbeit“ anfühlt. Das empfinde ich aber tatsächlich zum ersten Mal eben mit diesem Projekt: eine tiefe Leidenschaft für etwas, das mich seit Sommer 2019 tagtäglich begleitet. Die Wahl der Texte und Autor*innen ist natürlich eine große Aufgabe, die wir im Team aber gut zusammen meistern. Die Verantwortung empfinde ich auch als große Inspiration und Freude, es überhaupt machen zu dürfen.

Was ist dein für dich schönstes Erlebnis oder Feedback bisher zur „Literarische Diverse“? 

All die vielen Nachrichten, die ich zu den Ausgaben erhalte, die Briefe, Postkarten, das Treffen mit einigen Autor*innen, die Freude, wenn das Magazin bei allen ankommt, und überhaupt, dass das Magazin und die Arbeit dahinter Nachfrage erhält, ist unglaublich tolles Feedback für mich. Deswegen auch ein großer Dank für das Interview! Die Freundschaften und Bekanntschaften, die daraus entstanden sind, die vielen Begegnungen mit Buchhändler*innen gehören natürlich dazu. Oder die Erzählungen von Lehrer*innen, die bestimmte Texte im Unterricht mit ihren Schüler*innen bearbeiten. Ich glaube, es ist einfach die gesamte Interaktion mit all den beteiligten Menschen dahinter, jedes einzelne Foto mit den Magazinen, das mich über Social Media erreicht, jede einzelne Person, die sich irgendwie in einem Text wiederfindet, sich aufgefangen fühlt oder motiviert ist, selbst einen Text zu schreiben. Und ganz besonders natürlich auch: jede Ausgabe meinem Vater zu zeigen, der das Projekt mit Spannung verfolgt.

Wie nimmst du aktuell die Literaturszene wahr? Welche Veränderungen gab es vielleicht in den letzten Jahren?

Es hat sich vor allem im letzten Jahr viel getan, würde ich sagen. Jedoch ist mindestens genauso viel noch zu tun, damit auch in den Köpfen ein Umdenken stattfindet. Es gibt noch viel zu viele Vorurteile, die aber gelöst werden können, wenn Menschen das auch wollen. Richtig schön zu sehen, sind all die Projekte, die neu dazugekommen sind. Das empowert natürlich auch andere Leute dazu, anzufangen. (Meine Masterarbeit wird sich übrigens um genau das Thema drehen: um Empowerment durch das literarische Printmedium »Literarische Diverse«.) Außerdem haben sich viele Leute mit ihrem weißsein beschäftigt, Themen wie Rassismus, Sexismus, mental health usw. sind mehr zum Thema geworden. Viele Bücher haben ihren Teil dazu beigetragen, dass zumindest eine Auseinandersetzung damit stattfinden kann. Auch in diesem Jahr bin ich gespannt auf die Neuerscheinungen. Trotzdem ist die Literatur- und Verlagsszene immer noch viel zu cis-heterosexuell und weiß geprägt. Wichtig ist hierbei vor allem, dass der Einsatz für BIPoC und LGBTIQ+ Menschen kein Trend ist.

Was bedeutet Literatur für dich persönlich? Was kann Literatur, was darf Literatur?

Literatur ist mein Rückzugsort und Hobby, aber auch meine Arbeit. Es ist ein Auffangbecken, wenn man Texte liest, die einem das Gefühl geben, gesehen zu werden. Literatur ist gleichzeitig aber auch gefährlich, wenn radikale Autor*innen ihre Gedanken äußern, denn wir wissen mittlerweile: Sprache und Worte sind Macht und führen zu Taten. Wer Rassismus in Worten abdruckt, verewigt und stärkt ihn. Deswegen kann Literatur wehtun, ausgrenzen, sie kann aber auch heilen, zum Nachdenken anregen, laut sein, aber auch für das Leisesein plädieren. Mit Literarische Diverse möchte ich empowern und freue mich somit schon jetzt auf Ausgabe #4.

Das tun wir auch! Vielen Dank Yasemin, für deine Zeit und die spannenden Einblicke!

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