Wir sind hier – Schreiben und Sichtbarkeit im Hier und Jetzt

Foto: Privat

Von Henrieke Homburg

Am Wochenende vom 18. bis 20. Februar 2021 fand das Literaturfestival Wir sind Hier. Festival für kulturelle Diversität des Literaturhauses Frankfurt am Main statt – wie aktuell üblich: online. In insgesamt vier Veranstaltungen zwischen Lesung und Gespräch kamen viele Gäst*innen und Moderator*innen aus Literatur, Journalismus und Kabarett in einen Austausch über aktuelle Diskurse rund um rassistische Strukturen – gesamtgesellschaftlich, aber auch ganz konkret in der Literaturbranche. Und immer wieder ging es auch um den Anschlag von Hanau, der sich am 19. Februar, dem zweiten Festivaltag, zum ersten Mal jährte. Das Festival versteht sich als Antwort, aber auch als Gedenken an die Opfer wie auch die Hinterbliebenen.

Und so beginnt die Veranstaltung am Freitagabend mit dem Videobeitrag der Aktion  #DenkichanHanau, in dem einige der Festivalgäst*innen Gefühle und Gedanken zu der Tat, zum aktuellen Gedenken und auch dem gesamtgesellschaftlichen Umgang mit dem Anschlag und den ihm zugrundeliegenden Gedankengut teilen. Hingewiesen wird, im Videobeitrag wie auch im Verlauf des Festivals, immer wieder auf die (Bildungs-)Initiativen, die in Hanau entstanden sind, um die Tat im Bewusstsein zu erhalten und um immer wieder sichtbar zu machen, dass es sich um keine Einzeltat handelt.

Diese Zielsetzung des Sichtbarmachens von strukturellem Rassismus verfolgen auch die beiden Gäst*innen des Abends – Alice Hasters, Journalistin und Autorin (Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten) und Michel Abdollahi, Moderator und Autor (Deutschland schafft mich: Als ich erfuhr, dass ich doch kein Deutscher bin). Hadija Haruna-Oelker, Politologin und Journalistin, führt als Moderatorin durch den Abend. Der Fokus liegt weniger auf dem Literaturbetrieb als auf dem konkreten Benennen rassistischer Strukturen und der Notwendigkeit, immer und immer wieder auf entsprechende Begrifflichkeiten und Denkmuster hinzuweisen, statt sie still zu ertragen „wie Nadelstiche“, so Hasters Formulierung. Ein Anschlag wie in Hanau, das ist letztlich das schlimmstmögliche Szenario, zu dem diese Strukturen führen. Darum antwortet Abdollahi auf die Frage nach seinen Gefühlen zu Hanau mit der Lesung eines Abschnittes aus seinem Buch, welcher die Auflistung aller fremdenfeindlichen Angriffe im Jahr 2019, auf die er im Rahmen einer Internetrecherche zu Übergriffen im Zusammenhang mit dem Begriff Kopftuch gestoßen ist, beinhaltet. Die Liste ist lang und erschreckend, stellt aber nur einen unendlich kleinen Bruchteil ähnlicher Taten dar. Seine Antwort also: er war nicht überrascht über Hanau. Diese Antwort ist schwer, aber wichtig zu ertragen, so Haruna-Oelker. Und diese Antwort macht wieder einmal klar, welche enorme Relevanz der Sprache und Schreiben, im Falle von Abdollahi und Hasters im Format des Sachbuchs, in diesem Diskurs zukommt.

Am Samstagabend sind die Autor*innen Ronya Othmann (Die Sommer), Fatma Aydemir (Ellbogen, Eure Heimat ist unser Albtraum) und Max Czollek (Desintegriert euch, Gegenwartsbewältigung hier geht’s zur Rezension) zu Gast bei Autor Deniz Utlu und Germanistin Miryam Schellbach, die beide kurzfristig die Moderation übernahmen. Die Lesungen aus Romanen und Lyrikbänden der Gäst*innen bilden Grundlage der Gespräche, in denen Konzepte von der wehrhaften Poesie, über widerständiges oder solidarisches Schreiben bis hin zu postmigrantischer Literatur beleuchtet und kritisch hinterfragt werden. Dabei schafft es vor allem Schellbach, spannende Zusammenhänge im so unterschiedlichen Schreiben der anwesenden Autor*innen zu erkennen und auch die Dynamiken des Literaturbetriebs immer wieder miteinzuschließen. Als ganz konkrete, essentielle Aufgabe für den Kultur- und Literaturbetrieb stellt Aydemir außerdem die Verhinderung von Tokeism, also der symbolischen Präsentation von Mitgliedern marginalisierter Gruppen als sogenannte Token oder Aushängeschilder, heraus. Klar wird: es sind Kategorien und Mechanismen wie diese, die die Ausbremsung von Produktion und produktiver Rezeption von Texten durch fest verankerte rassistische Strukturen vor Augen führen. Ein anderes wichtiges Thema bleibt aber auch das Erinnern – die Erkenntnis der Relativität von Erinnerung und die Form der Solidarität, die im erinnernden Schreiben verortet werden kann.

Als Abschluss des Abends wie auch des Festivals wird im Anschluss an die Gesprächsrunde ein 20-minütiger Zusammenschnitt aus dem Kabarettprogramm Benaissa Lamroubals gezeigt, der Alltagsrassismus mit Comedy begegnet. Ein etwas leichterer Abschluss für ein intensives und auch schmerzhaftes Wochenende. Was das gesamte Festival ausgezeichnet hat, ist die Kombination von literarischem und sachlichem Schreiben sowie persönlichem Austausch und öffentlichem Diskurs. So wurde das Wochenende zu einer Art umfangreicher Bestandsaufnahme. Wo stehen wir, was hat sich getan ein Jahr nach dem Anschlag von Hanau? Und: welche Rolle spielte und spielt das Schreiben dabei, was tut sich in der Literaturbranche? Das Nebeneinander von Erinnern, Sichtbarmachen, Kontextualisieren und Hinterfragen hat dabei einen ganz besonderen Nachdruck hervorbringen können und eine ebenso intensive wie auch umfangreiche Auseinandersetzung ermöglicht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s