Gegen das Vergessen

Foto: Sina Ulbricht

Von Sina Ulbricht

Terézia Mora lädt in ihrem neusten Buch „Fleckenverlauf. Ein Tage- und Arbeitsbuch“ in ihre Welt ein. Eine Welt, durch die Figuren ihrer Bücher auf der Straße spazieren, in der Ideen auf dem Asphalt kleben und in der Zeit und Lektoren ewige Verfolger sind. Mithilfe von Alltagsbeschreibungen, Fotos, Zitaten, Briefen und Einträgen zu ihren Schreibprozessen stellt sich die Autorin wesentlichen Fragen nach der Sinnlosigkeit, nach Glück und Freude, Vergessen und Verlassenheit. 7 Jahre lang, in der „härtesten Zwischenzeit“ eines Menschen, nimmt sich die Autorin in den letzten Jahren ihrer Vierziger 10 Minuten ihres Tages, um all das, was sie beschäftigt und inspiriert, in Tagebucheinträgen zu verewigen.

Die Autorin, in Sopron geboren und seit 1990 in Berlin sesshaft, arbeitet als freie Schriftstellerin, ist darüber hinaus auch bekannt für ihre gelungenen Übersetzungen aus dem Ungarischen. Terézia Mora tritt in ihrem neuen Roman jedoch nicht als Schriftstellerin im Hintergrund auf, sondern teilt Gedanken, Inspirationen, Briefe, Alltagsschilderungen, ihre eigene Lektüre in der Freizeit sowie Fotos mit ihren Lesern und lässt uns stumme Zuhörer ihrer Gedanken beim Schreiben sein. Vor allem tritt die Autorin aus ihrem Scheinwerferlicht des Erfolges, gekrönt mit begehrten Auszeichnungen wie dem Georg-Büchner-Preis, dem Ingeborg-Bachmann-Preis oder dem Deutschen Buchpreis, hinaus und zeigt uns, dass hinter jedem Erfolg auch Tage der Verzweiflung, des Stresses und der Unzufriedenheit liegen. Ein Schriftsteller ist eben auch nur ein Mensch. Und kann sich damit ebenso wenig dem weltlichen Alltagsproblem entziehen. Das Gefühl, dass die Zeit einem immer im Nacken sitzt. Zu wenig Zeit für die Arbeit, zu wenig Zeit für Herzensprojekte, wie Kopp 3, zu wenig Zeit als Mutter und Berufstätige. Auch mal krank sein und dann nichts tun können, am Ende des Tages nur ein Satz weitergekommen sein, all das macht Terézia Mora nicht zu einem Fehler, sondern zu einer Normalität.

Wer nicht schon vorher großer Fan von Terézia Mora und ihrer Arbeit war, wird spätestens mit ihrem Tage- und Arbeitsbuch beeindruckt sein, mit welcher Hingabe und Leidenschaft die Schriftstellerin Buchstabe für Buchstabe ins Leben ruft. Sie läuft mit einem Fuß auf tatsächlichen Straßen, während der Zweite in ihrem selbst Erschaffenen verharrt. Wo ein anderer nur vorbeiläuft, stellt sich für Mora die Frage, was würde meine Buchfigur tun? Geschichten und Begegnungen des Alltags werden zu Teilen eines Buches oder bleiben doch nur ein Zusatz in einer eckigen Klammer, in denen Terézia Mora in ihren Tagebucheinträgen zugibt, auch Ideen umgekrempelt oder gar verworfen zu haben. Denn das gehört zu einem Leben eines erfolgreichen Schriftstellers genauso dazu. Frustration als Resultat eines Arbeitstages. Auch mal ein einziger Satz, nur Reste davon oder am nächsten Morgen nicht mal mehr das. Terézia Mora verheimlicht nicht, dass auch sie mal sprichwörtlich auf die Schnauze fällt, sei es bei einem Fahrradunfall, nachdem ihre Beine bedeckt mit blauen Flecken sind oder am Laptop – der Fleckenverlauf zeichnet sich in vielerlei Hinsicht ab.

Es braucht trotz aller Bewunderung ein wenig Zeit, um sich an das ungewohnte Format zu gewöhnen und sich auf Tagebucheinträge einer Fremden einzulassen oder mehr noch, dem eine gewisse Spannung abzugewinnen. Zu Beginn überwiegt die Frage, warum man Zeilen lesen soll, in denen After Eight Schokolade der Höhepunkt ist. Als Außenstehender ist es schwierig, sich an Tagebucheinträge statt Kapitel zu gewöhnen und sich mehr auf den Inhalt zu konzentrieren, statt zu versuchen, die fragmenthaften Schilderungen zu einem Ganzen, zu einer Geschichte, zusammenbringen zu wollen. Zunächst fordert die Schriftstellerin mit ihrem neuen Buch viel von ihren Lesern. Lässt man sich jedoch darauf ein, ist die After Eight Schokolade nicht mehr nur eine langweilige Randnotiz, sondern Teil eines Alltags, der einem so lebensnah geschildert wird, dass man beinahe das Gefühl hat, man wäre selbst die Randnotiz. Geschickt fädelt Terézia Mora ihre Tagebucheinträge zusammen, baut aber auch Lücken hinein, die nicht stören, sondern eher zu einer aktiven Leserposition einladen. Lücken, die Raum für Fragen nach Herkunft, Sinn und Glück lassen, welche alles in allem in einem Lebenswerk enden, das nicht abgehoben wirkt, vielmehr lebensnah. Man fühlt sich verstanden in einer menschlichen Unvollkommenheit und gleichzeitig inspiriert von so viel Kreativität.

Manche Einträge ufern ein wenig aus und münden in wenigen Stellen in zu viel Selbstmitleid und Verbitterung. Diese werden jedoch überschattet von spannenden Passagen über Recherchereisen nach Ungarn, Einträgen über einzelne Abschnitte ihrer Bücher. Und von ihrer herrlichen Ehrlichkeit und Inkonsequenz gegenüber eigenen Regeln wie dem Spiel mit der 23. Seite oder Schreib – und Begegnungstagebüchern, die nicht mehr als einen Eintrag überdauern. „Fleckenverlauf“ verspricht ein Leseerlebnis oder vielmehr einen Alltag, in dem Glück in den verrücktesten Momenten spürbar wird, egal ob bei Unfällen, im Regen oder bei sonstigen Strapazen. Womöglich ist Terézia Moras Arbeitsbuch tatsächlich nur eine Sammlung von Aufzeichnungen gegen das Vergessen unzähliger Ideen einer Schriftstellerin und mehr ein Teil von ihr als ein Teil von uns.  Trotzdem rüttelt die Autorin uns wach. Mal den Kopf leer machen, mal meckern und wütend sein, die Herkunft in Frage stellen, mal weinen im Alltag oder mal versagen, sich aber genauso sehr in Euphorie suhlen. Terézia Moras Buch ist viel mehr als nur ein langweiliges Tagebuch.

Fleckenverlauf. Ein Tage- und Arbeitsbuch, Terézia Mora, 2021, Luchterhand Literaturverlag, 285 Seiten, 22, 00 Euro

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