Einanderertragen und die Therapie

Von Manuel Riveros

Heißt Liebe nicht, dass man die Wahrheit über den anderen erträgt?“, fleht Anat, die einstige nächtliche Störenfriedin, die zur Verwandten, Geliebten und dann zum Objekt einer ebenso leeren wie verzweifelten Obsession von Oscar Kadoke, dem in Ungnade gefallenen Amsterdamer Psychiater, wird, ein Satz, der das zentrale Element des Romans konzeptualisiert.

Am Rande des Unmöglichen führt uns der gefeierte niederländische Autor Arnon Grünberg durch die Abenteuer des Protagonisten in Zeiten von #MeToo. Was bereits eine starke Idee für den Entwurf eines Romans zu sein scheint, wird zu einem feinen Werk mit bissigem Humor und großem Witz, das meisterhaft Themen in der Tonart des Todes-Eskapismus artikuliert: Realität, (Meta-)Fiktion, Absurdität, Autobiographie, Geopolitik. Der Konflikt zwischen dem agnostischen und dem orthodoxen Pol einer unmöglichen (Liebe?) im Spektrum des Judentums wird selten eintönig, doch die teils giftigen, teils eher lakonischen Reflexionen verführen die/den Leser*in dazu, das eigene europäische Prisma zu überschreiten und die sozio-theistischen Grenzen seines Kosmodernismus auszuloten.

Auch der Roman selbst hat eine absurde Form. Es wird kein Versuch unternommen, den Anschein zu erwecken, dass die Figuren etwas anderes sind als das Sprachrohr des Autors selbst, in dostojewskischem Stil. Alle scheinen Philosophen und Psychologen zu sein, sogar die Patientin. Doch dieser vermeintliche Fauxpas stört keineswegs, sondern sorgt für konzeptionelle Kontinuität und bewahrt das lebendige Bild der Figuren. Die Fähigkeit, einen ebenso verachtenswerten wie begehrten Fremden zu ertragen, hängt an einem Faden der Verständigung zwischen gegensätzlichen Realitäten, trotz der gemeinsamen Religion; auf der einen Seite eine unentgeltliche Sehnsucht, erzwungen durch das Exil in der Gesellschaft, die zarte Gesundheit des Vaters, auf der anderen Seite die unterworfene Errungenschaft eines blinden Glaubens, der seine Gläubigen aufnimmt, enthält und verschlingt. Grünbergs unverblümte Einblicke in Rollenspiele zwischen einem zu vergasenden Häftling und einem Obersturmbannführer, die Lust an der Sexualität als Objekt, häuslichen Terrorismus, sogar einen inzestuösen Blowjob jedoch nie ins Tarantinesche abgleiten, sind zwar ein Frontalangriff auf die/den Leser*in, aber die rohe, ewige Gewalt der israelischen Besatzung palästinensischer Gebiete überzeugend vermitteln.

Als komplizenhafte Abhandlung über die Neurose der Begriffsbildung der conditio humana und deren Gegenmittel ist Besetzte Gebiete voller Warnungen für alle, die sich das irdische Leben zu sehr zu Herzen nehmen oder sich im Gegenteil ein wenig jenseits dessen fühlen. Die absolute Nonchalance des Autors bezüglich seiner Reflexionen lässt uns vielleicht sogar glauben, dass auch wir, Kadokes und Anats, Gläubige und Ungläubige, so verloren wie sie und wir alle sind, das Glück finden könnten – ja, selbst in einem verlorenen Kaff in Moldawien, laut Ratschlag einer verhärteten, ganz sowjetischen Altenpflegerin.

Besetzte Gebiete, Arnon Grünberg, übersetzt aus dem Niederländischen von Rainer Kersten, 2020, Kiepenheuer & Witsch, 432 Seiten, 24,00 Euro

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