Mutter heißt nicht Mama

Von Manuel Riveros

Wie kann sich ein Leben durch eine kleine Entscheidung verändern? Ein paradigmatisches Beispiel sind die Protagonistin und ihre Eltern, junge nigerianische Einwanderer im Hamburg der 1960er Jahre. Damit sie in Ruhe studieren können, geben sie sich bei Kindermädchen die Klinke in die Hand. Die Nachmittage unter der Woche werden zu Arbeitswochen von Sonntag bis Freitag, und unbewusst bleibt auch die Freizeit auf der Strecke. „Haben sie mich vergessen? Ist ihnen etwas zugestoßen?“, denkt sich das kleine Mädchen, das unter der Obhut seiner Betreuerin seine ersten Schritte macht. Und dann tritt Mama in ihr Leben, einfach so, eine fromme, kirchlich sehr aktive Frau.

Mama, Herzensmama, um sie noch deutlicher von ihren leiblichen Eltern zu unterscheiden, die in ganz besonderen Fällen nicht mit der Gebärenden übereinstimmen. Weder das Land noch die Kultur passen zu ihnen, sie sehen ein Kind heranwachsen, das nicht dort sein sollte. Ein Gefühl, das die kleine Flori überall durchströmt, sobald sie in die Welt außerhalb ihrer geliebten bescheidenen Wohnungsfestung in Buxtehude hinausgeht. Was macht es mit einem kleinen Mädchen, wenn es zu einem Ganzen gehören soll, das in Wirklichkeit eine Schimäre ist? Nur ihr dunkler Teint verrät sie in den Augen der Einheimischen, die sie oft mit den witzigsten Fragen löchern. Denn ihre deutsche Seele ist nichts, was man sehen kann. Sondern nur für den, der aufmerksam ist.

Die Erziehung durch ihre geliebte Herzensmama Irmgard, die mutig, klug und zutiefst menschlich ist, ist der Grundstein für die Bewältigung einer Welt, die sich jedem Schritt nach vorn zu widersetzen scheint. Von den bürokratischen und wirtschaftlichen bis hin zu den menschlichen Problemen erinnert Frau Brokowski-Shekete an die Widersprüche zwischen säkularer und religiöser Gesellschaft, frommer Vision und Toleranz der marginalisierten Jugend; Kompetenz und Fleiß, verbittert durch das ständige Gefühl, nie genug zu sein, erfährt die/der Leser*in ausschließlich in der ersten Person, in chronologisch geordneten Kapiteln, eine ebenso unwahrscheinliche wie notwendige Geschichte in angenehmer und nüchterner Prosa. Obwohl die Fragen mit der Zeit immer komplexer werden, zeigen sich die Hartnäckigkeit, Schärfe und schiere Menschlichkeit, die die kleine Flori, von klein auf an den Tag legt. Sie vermutet weder, dass sie deutsche Staatsbürgerin wird, noch dass sie als Erwachsene adoptiert wird. Noch weniger, dass sie eines Tages die erste schwarze deutsche Schulamtsdirektorin sein wird.

Mist, die versteht mich ja!, Florence Brokowski-Shekete, 2020, Orlanda, 235 Seiten, 22,00 Euro

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