Ein seltsames Jahrhundert spricht

Foto: Privat

von Charly Friedrich

„Ich betrachte Sie in Ihrem seltsamen Jahrhundert voller Verwunderung.“ So beginnt Chevalier*Chevalière d’Éon den Bericht über das eigene Leben und unser „seltsames Jahrhundert“ schaut verwundert zurück.

Wer Die Militante Madonna von Irene Dische im Regal entdeckt und, angezogen von dem pastellenen Blick der barocken Dame auf dem Cover, aufschlägt, erwartet möglicherweise einen historischen Roman. Eine begründete Erwartung. Versprechen doch Einband, Titel und Klappentext eine Geschichte über das außergewöhnliche Leben des*der Chevaliér*Chevalière d’Éon, einer im 18. Jahrhundert angesiedelten Figur nach historischem Vorbild, die zwischen den Geschlechterrollen ihrer Zeit mehrfach wechselte.

Ein Blick auf die ersten Seiten zeigt allerdings, dass Erwartungen und Lesegewohnheiten im Vorwort abgegeben werden dürfen. Es gibt keine Einführung in den zeitlichen Kontext. Stattdessen beginnt ein moderner Schelmenroman. Die Hauptfigur spricht direkt an die Leserschaft, über die Jahrhunderte hinweg. Wer die Werke der Autorin kennt und hinter dieser Parallele zweier Zeiten einen pointierten Kommentar zur Überschreitung von Gendernormen im historischen Kleid erwartet, stößt schnell auf weitere Kontraste: betrachten und betrachtet werden, Frankreich und England, Geschichte und Gegenwart, Kommentar und Roman.

Leicht macht das Buch es dabei niemandem, trotz des kurzweiligen Tempos und der spöttisch-charismatischen Erzählstimme. Die direkte Ansprache und dichten Anekdoten ziehen in ihren Bann. Es gelingt dem Buch jedoch nicht, diese Spannung aufrechtzuerhalten. Obwohl schon ein Blick in das Inhaltsverzeichnis einen Eindruck vom bewegten Leben des historischen Vorbilds gibt („Wie ich eine hohe Stelle bekleidete und auch behielt“, „Wie mir der erste Verrat entging“, „Wie ich die Mordanschläge des Königs durchkreuzte“), bekommen die jeweiligen Kapitel nicht jene Zeit, die es für erzählerische Tiefe bräuchte. Auf den drei bis dreizehn Seiten pro Abschnitt finden neben der Hauptfigur weder die Handlung noch Nebenfiguren genug Raum, um sich zu entfalten und der Leserschaft ans Herz zu wachsen.

Umso mehr rückt die Erzählstimme selbst in den Fokus. Die einzigartige Perspektive ist eine große Stärke des Buches. Sie lädt viel mehr zum Detektiv-Spielen ein, als die immer wieder auftauchende – aber auf Oberflächlichkeiten beschränkte- Erforschung der Geschlechterrollen. Chevalier*Chevalière d’Éon würzt die Anekdoten in einer Sprache, die sich sowohl moderner Ausdrücke, als auch historischer Redewendungen bedient. Es entsteht der Eindruck einer ahistorischen Distanz. D‘Éon widerspricht sich dabei häufig und berichtet auf der einen Seite von Diskriminierungserfahrungen, beispielsweise durch die Wetten auf das „eigentliche“ Geschlecht des*der Protagonist*in und daraus folgender Nachstellungen zur „Überprüfung“. Auf der anderen Seite wirkt der Blick auf das eigene Jahrhundert verklärt. Das wird umso klarer, wenn es gegen unser „seltsames Jahrhundert“ kontrastiert wird: „Ihr da vorne in der Zukunft gebt fremden Leuten sogar Geld dafür, dass sie sich Eure narzisstischen Rasereien anhören! In meinem Jahrhundert zählt Selbstbespiegelung zu den Exzessen der Jugend, denen man mit 20 entwachsen ist“, schreibt d’Éon beispielsweise nach einer Anekdote über ein mit Ende 30 in Auftrag gegebenes Selbstportrait zur Konservierung der eigenen Schönheit.

Gerade beim Aktualitätsbezug verstärkt sich der Eindruck fehlender Präzision. D’Éon schießt mit scharfer Munition, aber ins Leere.
„Zweihundertfünfzig Jahre nach meiner Zeit, glauben Sie offenbar Sie hätten die Wahlfreiheit erfunden, ein Mann oder eine Frau zu sein“, lautet der zweite Satz des Buches. Wer das nicht glaubt, sondern ehrliches Interesse an der Sichtbarmachung historischer Vorbilder, wie der*die historische Chevalier*Chevalière d’Éon hat, wird von der arroganten Erzählstimme irgendwann genervt sein.

Ein wenig passt das aber auch zu der aus der Zeit gefallenen Erzählfigur. Der Blick zurück ist nostalgisch verschleiert und der Blick nach vorne oberflächlich. Die versprochene Erforschung geschlechtlicher Grenzüberschreitungen mit Aktualitätsbezug kann der Roman nicht liefern. Was bleibt ist eine temporeiche, unterhaltsame Lektüre mit einer einzigartigen Erzählperspektive. Deren Frust weiß vielleicht etwas ganz eigenes über unser „seltsames Jahrhundert“ zu sagen.

Die Militante Madonna, Irene Dische, übersetzt aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach, Hoffmann und Campe, 224 Seiten, 22 Euro.

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