Der Kern des Schreibens und die Zweige die dort wachsen. Ein kurzes Gespräch mit Tomer Gardi

Foto: Matej Meza

Von Benjamin Löber

Tomer Gardi las dieses Jahr bereits das dritte Mal auf der globale°. Nach seinem auf Deutsch verfassten Debut Broken German (2016) folgte der Roman Sonst kriegen sie ihr Geld zurück. Letzterer wurde auf Hebräisch verfasst und 2019 auf Deutsch veröffentlicht. Mit Eine Runde Sache erschien dieses Jahr Gardis dritter Roman, in dem er beide Sprachen miteinander vereint. Zwei Texte, einer geschrieben auf broken german, der andere glatt übersetzt aus dem Hebräischen. Eine absurde Jagd durch den Wald der deutschen Mythologie und die Geschichte eines javanischen Malers aus dem 19. Jahrhundert. Auf den ersten Blick liegen sie weit auseinander und bilden doch auf eigentümliche Weise ein verwobenes Gesamtkunstwerk. Diesen besonderen Roman, sein Schreiben und Zeichen, die man sich in die Hosentasche steckt, durfte ich in aller Kürze mit Tomer Gardi vor seiner Lesung besprechen.

Tomer, auf deinem Buch steht klassischerweise die Bezeichnung Roman – war das eine Verlagsentscheidung oder hast du Eine runde Sache auch von Anfang an als Roman bezeichnet?

Hab ich. Ich habe es ja auch so unterschrieben. Die Verständnisse von dem was ein Roman ist, haben sich ja zum Glück ein wenig geändert seit dem 19. Jahrhundert. In Balzacs Zeiten wäre es sicherlich nicht als Roman verstanden worden. Aber jetzt schon. Es gab auch keine langen Gespräche darüber, ich habe es als Roman gesehen oder zumindest als zwei Texte, die zusammengehören in einem besonderen Rahmen. Es sind auf keinen Fall zwei Novellen oder so.

Aber wie sind sie entstanden – war dieser Rahmen von Anfang an da oder gab es einen der Texte zuerst?

Nein, ich hatte von Anfang an ein Konzept. Und mich hat die Frage interessiert, wie unsere Sprache unsere Fantasie beeinflusst. Ich beschäftige mich zum Beispiel mit einem Thema oder einer Idee oder einem Gefühl in einer bestimmten Sprache. Dann nehme ich das gleiche Thema und arbeite an ihm in einer anderen Sprache. Wie werden sich diese Texte voneinander unterscheiden? Wie werden sie sich verzweigen und anders oder ähnlich sein? Und das war von Anfang an das Konzept dieses Buches. Die Idee von einem Kern, einem Gedanken, den ich einmal auf Deutsch bearbeitet habe und dann auf Hebräisch. Die beiden Texte sind zwei literarische Zweige, die sich von demselben Kern ausgehend entwickelt haben.

Und wer berichtet uns da eigentlich von diesen Zweigen? Im ersten Teil haben wir es mit einem Ich-Erzähler zu tun. Auf dem zweiten Zweig setzt du eine Wachperson aus der Gegenwart als Erzählinstanz ein. Warum?

Ich musste, was den zweiten Teil angeht, einen erzählerischen Standpunkt finden. Ich hätte es eine dritte Person aus der Vergangenheit erzählen lassen können aber ich hatte das Gefühl, ich hatte nicht genug Wissen darüber, wie es auf Java im 19. Jahrhundert war. Deshalb habe ich ihn erfunden, damit er dasteht und beobachtet und diese Zeiten aus seiner Sichtweise erzählen kann. Es war wichtig für mich, da eine Position aus der Gegenwart zu haben.

Und wie bist du auf Raden Saleh gestoßen?

Ja ich muss sagen, das war ein ziemlicher Zufall. Ich weiß nicht mehr genau, wann das war, aber vor ein paar Jahren war Indonesien das Gastland der Frankfurter Buchmesse. Jedes Jahr ist da ein anderes Land zu Gast. Und wenn die Länder nicht so bekannt sind in Europa, dann werden sehr viele Bücher auf einmal von der Sprache dieser Länder auf Deutsch und Englisch übersetzt. Das wird gemacht, damit die Messe voll ist. Was ein ziemlich abgefucktes System ist, finde ich. Aber dieser Prozess hat mich trotzdem interessiert und ich habe einen dieser Romane gelesen, die aus dem Indonesischen übersetzt worden waren. Da wurde Raden Saleh irgendwo kurz erwähnt. Ich war mir dann nicht sicher, ob diese Person wirklich existiert hat. Deshalb habe ich ihn gegoogelt und über sein Leben gelesen. Das Leben dieses Mannes ist mir im Kopf geblieben und so entstand die Idee für den zweite Teil.

Weißt du noch, wie das Buch hieß?

Nein. (lacht) Aber ich fand, es war ein schlechtes Buch. Der Roman war albern, aber immerhin habe ich dadurch von Raden Saleh gehört.

Was war dein Gefühl, als du den zweiten Teil das erste Mal in der Übersetzung von Anne Birkenbauer gelesen hast? Kannst du dein Schreiben immer noch erkennen?

Ich erkenne mich auf jeden Fall in diesem Text. Ich habe ja die Handlung geschrieben und kenne sie natürlich. Ich habe auch das Gefühl, es ist immer noch meine Stimme und meine Musik der Sprache. Wo ich aber ab und zu stolpere beim Lesen ist, wenn ich Worten begegne, die ich selbst nicht kenne, weil mein Wortschatz auf Hebräisch natürlich größer ist als auf Deutsch. Das ist dann immer eine kurze Entfremdung. Aber das Verhältnis zu diesem Text ist, dass es immer noch meiner ist. Er ist ja im Übrigen auch nie auf Hebräisch erschienen. Es gibt keine hebräische Rezeption und ich weiß nicht, wie es im hebräischen Sprachraum angeklungen wäre. Er existiert nur hier, im Deutschen.

Kannst du dir eine Übersetzung des ersten Teils auf Hebräisch vorstellen? Oder gar den kompletten Roman in einer ganz anderen Sprache?

Ich glaube, der erste Teil würde auf Hebräisch keinen Sinn ergeben. Wegen der Sprache. So wie ich sie verstehe, ist sie sehr eng mit dem Deutschen verwoben. Es wäre einerseits eine sprachliche Herausforderung und dann ist da noch die Inhaltsebene. Diese Spielerei mit der deutschen Mythologie, das würde einer hebräischsprachigen Leserwelt wenig sagen. Aber was mir gerade einfällt: Vor ein paar Tagen hat jemand mit mir gesprochen und meinte „Hey wie wäre es, wenn du den zweiten Teil auf Indonesisch übersetzen lässt“. Aber für mich ist es ein geschlossener Roman und ich weiß nicht, wie das wäre, nur die Hälfte davon zu veröffentlichen. Die Sprache, die für mich am denkbarsten wäre für eine Übersetzung, ist Holländisch. Denn Holländisch ist sprachlich nah genug am Deutschen und an seiner Mythologie. Und natürlich würde es wegen der Geschichte von Raden Saleh sehr gut passen.

Ich würde gerne noch auf die Absurdität in deinem Text zu sprechen kommen. Kannst du ausmachen, wo dein Schreiben herkommt und ob das Absurde immer schon auf irgendeine Art Teil davon ist? Oder ist es das nur, wenn du auf Deutsch schreibst?

Ich weiß gar nicht, ob die Absurdität mit meinem Schreiben so direkt zusammenhängt. Es ist auch viel Absurdität dabei, wenn ich auf Hebräisch schreibe. Klar, nicht so sehr im zweiten Teil von ‚Eine Runde Sache‘ aber in meinem dritten und ersten Buch ist das sehr präsent. Ich bin mir nicht sicher, ob das mit meinem Verhältnis zu Deutschland zu tun hat. Kann sein. Es ist aber, glaube ich, einfach Teil meines Humors im Schreiben. Und zur Frage, woher mein Schreiben kommt. (lacht) Puh eine schwierige Frage. Also das Baumaterial ist die Sprache und auch diese mythologischen Zeichen sind Material und man schnappt sie einfach aus der Luft. Denk zum Beispiel an die Plastikvagina im ersten Teil. Der Tomer Gardi im Buch braucht dieses Ding nicht, er braucht Wechselgeld. Um Wechselgeld zu bekommen, kauft er es und es ist in seiner Tasche, es ist auf einmal da. Und so ist es wohl auch mit dem Schreiben. Man schnappt ein Wort oder eine Idee. Man steckt es in die Tasche und wenn es nützlich wird, benutzt man es, auch wenn es ursprünglich ganz anders gemeint war oder eine andere Bedeutung hatte.

Dadurch können auch Missverständnisse entstehen. Die sind bei dir ja quasi eine Tür, durch die erst mal gegangen werden muss, damit eine Geschichte entsteht.

Das stimmt. Es ist abhängig von Missverständnissen. Wenn der menschliche Verstand glatt wäre, hätte es diesen Roman nicht gegeben. Wahrscheinlich würde es dann gar keine Romane geben. Es basiert alles auf der Vielfalt von Sprache und Geschichten.

Das Motto der globale° ist dieses Jahr Untergänge – Übergänge. Zwischen deinen beiden Texten entspinnen sich im Lesen Verbindungen zwischen den Texten. Sind diese Arten von Übergängen auch im Prozess entstanden oder waren sie als Ideen schon vorher da?

Ich glaube diese Fäden waren schon in mir selbst vorhanden. Die Grundidee war es, wie gesagt, einen Kern zu nehmen – verdeutlicht durch das Gedicht vor beiden Geschichten von Avoth Yeshurun – und dieser Kern soll beide Texte verbinden. Der Kern bleibt stabil, auch wenn sich die Sprachen ändern. Zum Beispiel die Jagd. Im ersten Teil ist das eher ein emotionales Motiv für den Erzähler, und im zweiten taucht die Jagd in den Gemälden von Raden Saleh auf. Das ist alles in Bewegung. Das habe ich nicht bewusst so gewoben, aber mein Fantasieren funktioniert durch solche Verbindungen und das ist ein Teil meines Lebens.

Also war dir das Sichtbarmachen dieser Bewegung der Zeichen sehr wichtig für beide Texte?

Ja absolut. Ich bin immer froh, wenn Leser Sachen in Büchern von mir sehen, die ich nicht gemeint habe, das ist immer toll. Aber die Instabilität der Zeichen war mir tatsächlich sehr wichtig. Das wollte ich auf jeden Fall drin haben.

Lieber Tomer, vielen Dank für das Gespräch und viel Spaß bei deiner Lesung.

Das Interview führte am 3.11.2021 Benjamin Löber im InterCity Hotel Bremen.

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