Keine Geduld für Friede, Freude, Eierkuchen-Literatur. Ein Gespräch mit Sharon Dodua Otoo

Foto: Matej Meza

von Anastasia Parinow

Ihren deutschsprachigen Debütroman Adas Raum stellte die Autorin, Publizistin, Aktivistin und Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo einen Tag nach der Eröffnung des Festivals bei einer Schullesung in Bremerhaven vor. 35 Minuten dauert eine Fahrt mit dem Regionalexpress zurück nach Bremen. Ausreichend Zeit also für ein Gespräch über Machtkontinuitäten, Interventionsmöglichkeiten und das Potential engagierter Literatur.

Du hast soeben im Rahmen der Jungen globale° am Schulzentrum Carl von Ossietzky in Bremerhaven gelesen. Bei Literaturfestivals gehen ja oft dieselben Leute hin, die eh schon lesen und gar nicht abgeholt werden müssen. Anders ist es bei diesen Schullesungen. Machst du das öfter? Wo siehst du da das Potential?

Ich mache es nicht oft genug, to be honest. Aber wenn ich angefragt werde, sage ich meistens zu. Ich glaube, dass allein die Tatsache, dass Jugendliche mitkriegen, dass es Menschen wie mich gibt, die lesen und schreiben, sehr wichtig ist. Sonst ist der Roman einfach ein Produkt, online oder in der Buchhandlung. Aber zu sehen, dass da eine echte Person dahintersteht, ist was ganz anderes. Und natürlich kann ich eine Art Vorbild sein, sodass die jungen Menschen denken, sie könnten das auch mal machen. Mit meiner Lesung heute wollte ich ihnen sagen: „Das, was ich schreibe, ist auch für euch gedacht. Das ist nicht nur abgehobener Nonsens, sondern ich versuche Themen zu behandeln, die auch euch betreffen.“ Vielleicht finden sie damit eine Anregung, um über bestimmte Dinge zu reflektieren.

Neben grausamen Schilderungen und düsteren Momenten ist dein Roman auch sehr humorvoll. Würdest du sagen, dass Humor, der auch grenzüberschreitend oder respektlos sein kann, auch eine besondere Art von Kritik ist?

Zum einen ist Humor eine Strategie für Diskriminierungserfahrene, um mit schwierigen Sachen oder Situationen umzugehen. Ich habe die Möglichkeit, etwas für mich umzudeuten. Ich kenne viele Menschen, die Rassismus erfahren  haben und untereinander Witze darüber machen. Ich weiß auch, dass es in Israel Shoah-Witze gibt. Das sind Witze, die nur aus einer bestimmten Perspektive gemacht werden können. Wenn eine Person, die nicht zu diesen Gruppen gehört, solche Witze macht, hat es eine komplette andere und sehr gewaltvolle Wirkung. Zum anderen glaube ich, dass Humor eine Möglichkeit bietet, Abwehr abzubauen. Wenn ich Rassismus thematisiere, gibt es oft diese Reaktionen: „Aber ich bin nicht so, ich bin eine gute Person“. Und mit Humor ist es manchmal möglich, eine Brücke zu bauen. Dann kann diese Person Zugeständnisse machen, weil sie sieht, wie absurd ihr Verhalten oder ihre Denkweise  ist.  Ziel ist nicht, dass alles verharmlost wird. Es ist eine andere Möglichkeit, zu reflektieren und miteinander ins Gespräch zu kommen.

Aktuell wird viel darüber diskutiert, inwiefern die Ereignisse des Holocaust absolut singulär sind oder ob sie in Bezug oder gar Kontinuität zu anderen Genoziden gestellt werden können. Dein Roman reiht die Episode um die Zwangsprostituierte Ada, die 1945 im KZ Mittelbau-Dora spielt, in eine zyklische Gewalt ein. Hast du dafür Kritik geerntet?

Sehr deutliche Kritik kam von Maxim Biller. Er hat kritisiert, dass ich einen Roman über die Shoah geschrieben habe, darin aber kaum jüdische Personen vorkommen. Und hat mir unterstellt, dass ich mir einen „Holocaust ohne Juden“ wünsche. Aber das beruht auf eine Fehlannahme von ihm: In dem KZ-Bordell von Mittelbau-Dora waren auch keine jüdischen Personen. So it didn’t really make a lot of sense. Bezüglich der Singularität der Shoah: Ich habe im Deutschlandradio ein Gespräch mit der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann und der Philosophin Susan Neimann gehört, wodurch ich die Thematik besser verstanden habe. Aus der sogenannten Täterperspektive darf keine Entlastung erfolgen, indem behauptet wird: „Es gibt eben Grausames in der Welt, sowieso“. Das verstehe ich. Ebenso ist es aber auch wichtig, Solidaritäten unter sogenannten Opfergruppen zu stärken, indem nach der Ähnlichkeit von Strukturen, die solche Gewalt verursachen, geschaut wird. Wenn behauptet wird, es gab weder in der Vergangenheit, noch wird es in der Zukunft etwas so Grausames geben, dann kappt das die Solidarität. In meinem Roman habe ich nicht versucht, die einzelnen Geschehnisse zu vergleichen. Ein anderer Kritiker, Hubert Winkels, meinte es „gehört sich einfach nicht“, die Shoah in Zusammenhang zu bringen mit z.B. Diskriminierung bei der Wohnungssuche. Das lasse ich kommentarlos stehen. Im Roman habe ich vielmehr versucht zu zeigen, wie sich der Umgang mit traumatischen Vergangenheiten auf die Gegenwart auswirkt. Wie es kommt und welche Strukturen es braucht, um Menschen zum Anderen, zu Gegenständen zu machen. Und wie diese Kontinuitäten dafür sorgen, dass manche Menschen heutzutage z.B. keine Wohnung bekommen.

Apropos Gegenstände: Die zyklische Wiederholung der Gewalt ist eng an das afrikanische Armband geknüpft, welches in Berlin ausgestellt werden soll. Als der Vermieter Herr Wilhelm es Ada schenken will, lehnt sie ab mit den Worten: „Wie wollen Sie mir etwas schenken, das Ihnen gar nicht gehört?“ Eine Kritik an der paternalistisch anmutenden Restitutionsdebatte?

Ja, definitiv. Ich habe das Buch von Bénédicte Savoy Afrikas Kampf um seine Kunst: Geschichte einer postkolonialen Niederlage gelesen. Das ist ein sehr deutliches Buch, das beschreibt, wie die Restitutionsdebatte bereits in den 1960ern und 70ern zwischen den Ländern Afrikas und Europas stattfand und welche absurden Gründe aufgeführt wurden, die Raubkunst nicht zurückzugeben: „Ihr habt doch keine Museen“ oder „Wir können die Kunst besser beschützen“. Ich habe in meinem Roman fast wörtlich zitiert, „Die ganze Welt kann doch nach Berlin kommen, um die Kunst zu bewundern“, like what the heck, wie realitätsfern ist das? Wilhelm sagt im Roman zu Ada „Ich schenke es dir“, aber so geht das nicht. Restitution ist keine Großzügigkeit von weißen Männern, sondern es muss um Anerkennung der grausamen Vergangenheit geben. Es muss um eine Entschädigung gehen, und davor auch um Reue, Trauer und eine Bitte um Verzeihung.

Im Roman ist nichts vollkommen eindeutig. Er bildet viele unterschiedliche Diskriminierungsformen ab. Auch hat mir gefallen, wie ambivalent und anders du Opfer- und Tätergeschichten erzählst: Männliche KZ-Häftlinge wurden auch zu Tätern, indem sie die Frauen im Bordell ausbeuteten.

Das ist gut, dass du das sagst. Das war ja eben das Perfide: Die SS-Männer haben Hierarchien unter den Gefangenen aufgebaut, oft haben diese die Gewalt aneinander dann ausgeübt. Diese Komplexität zu zeigen, war mir auch ein großes Anliegen. Im Roman gibt es auch Kritik an Heteronormativität. Hier und da mache ich Andeutungen, dass die Welt gar nicht so heterosexuell ist, wie oft behauptet. In Romanbesprechungen wird es leider selten thematisiert, dass es eine Kritik an Behindertenfeindlichkeit gibt. Dabei setze ich mich selbst in Beziehung dazu: Ich als Person, die keine Behinderung hat, wie schreibe ich denn über Menschen, die nicht hören oder im Rollstuhl sitzen? Wie kann ich mir ihr Innenleben vorstellen? Ich habe mir große Mühe gegeben, dass sie echte Personen sind. Alfie z.B. kommuniziert mit seiner Schwester Lizzie auf Gebärdensprache. Er ist ein Mensch, der zum Beispiel aufgrund seiner prekären Verhältnisse und des Versagens bei der Bewältigung der irischen Hungersnot klare politische Ansichten hat und die Engländer verachtet. Durch ihre Anstellung und ihre Nähe zu ihrer Herrin hat seine Schwester eine ambivalentere Perspektive. Mein Eindruck ist, dass dadurch, dass ich eine Schwarze Aktivistin bin und rassismuskritisch arbeite, das Thema Rassismus bei der Rezeption des Romans oft alles andere überschattet.

Schade, dass das so ist. Anhand der Analogie der Wurstherstellung philosophierst du humorvoll über die beinahe willkürliche Konstruktion von Identität. Wo sind die Handlungsräume zwischen der Fremdzuschreibung und dem Aufbauen einer eigenen Identität?

Das ist eine sehr gute Frage. Zunächst denke ich, dass Menschen halt Menschen sind und mit gewissen Karten auf die Welt kommen, und dann erst werden sie zu etwas gemacht, zum Beispiel, wie Simone de Beauvoir sagte, zu einer Frau. Einerseits gibt es das Moment, indem ich immer wieder eine Ausgrenzung im weißen Kontext erlebe, aber andererseits auch das Moment, indem ich selbst sage: Ich bin Schwarz, weil ich mich mit diesen Themen auseinandersetze, weil ich eine Verbindung sehe zwischen meinen Erfahrungen und den Erfahrungen von anderen. Mit meinem Roman habe ich zeigen wollen, dass es sich um eine Konstruktion handelt, aber gleichzeitig auch, wie man innerhalb dieser Konstruktion damit umgeht. Die Frage zu stellen, wie diese Identitäten funktionieren, wie sich das auf unser Leben auswirkt und wie wir dagegenhalten können. Frauen haben die Möglichkeit, miteinander solidarisch zu sein. Wenn sie schon in diesem Patriarchat leben, können sie Widerstand leisten und trotzdem eine Art Menschlichkeit für sich behalten.

In deinem Roman geht es um Traumata und eine zirkuläre Zeitstruktur. Da ist etwas, was immer wieder auftaucht. Obwohl Identitäten bei der Kartenverteilung immer neu „gemischt“ werden – trotzdem hat jede Frau ähnliche Kämpfe zu kämpfen. Wie kommt man aus diesem Teufelskreis heraus?

Es klingt ein wenig pessimistisch, aber in meiner „Happy End“-Vorstellung geht es nicht darum, dass Rassismus oder Sexismus plötzlich weg sind. Sondern, dass wir einen Umgang damit finden. Dass wir das überhaupt erkennen und ernst nehmen – das wäre großartig, aber das sehe ich noch nicht so schnell kommen (lacht). Und dann in den nächsten Generationen weiterhin kritisch handeln und irgendwann können wir vielleicht darüber reden, dass es keinen Sexismus oder Rassismus mehr gibt. Aber zunächst bleibe ich in einer Welt, die dieses Machtgefälle hat. Es geht darum, das Gefälle zu transformieren, als Einzelperson handlungsfähig zu bleiben und als Gesellschaft ein Verständnis davon zu bekommen: Zu überlegen, was in der Vergangenheit gut funktioniert hat, worauf wir bauen können, und wie wir unsere Zukunft gestalten möchten.

Wie hast du die Diskussion um Jasmina Kuhnke und den Boykott der diesjährigen Frankfurter Buchmesse erlebt? Wie würde für dich Solidarität aussehen?

Also ich war eh nicht zur Buchmesse eingeladen und hatte nicht vor hinzugehen, weil mein Buch im März erschienen ist und jetzt Herbstprogramm dran ist. Ich habe diesen Boykott-Aufruf gelesen und war, ehrlich gesagt, froh darüber. Bei jedem Protest, egal um welches Thema es sich handelt, ob gegen rassistische Wörter in Kinderbüchern oder Blackfacing im Theater, wird immer wieder „ein Gesprächsangebot“ gefordert und der gesamte Konflikt auf dem Rücken der Protestierenden ausgetragen. Und das ist hart. Ich nehme an, dass Jasmina Kuhnke sehr gelitten hat. Ich hab‘s verstanden und wäre da nicht hingegangen. Und ich hätte mir gewünscht, dass viel mehr Leute nicht hingegangen wären. Denn so funktioniert Boykott: nicht, wenn nur eine Person nicht hingeht, sondern nur wenn alle nicht hingehen. Das wäre für mich ein Solidaritätsmoment gewesen. But it wasn’t like that.

Du schreibst vor allem theoretische und publizistische Texte. Kann Fiktion etwas Anderes erreichen? Schreibst du politische Literatur?

Es gibt den von Jean-Paul Sartre geprägten Begriff der Engagierten Literatur – im deutschsprachigen Kontext ist er verpönt. Das habe ich nie begriffen, weil ich glaube, dass viele Menschen, die über all die Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte hinweg geschrieben haben, mit ihrer Literatur Gesellschaftskritik übten. Ich finde, das ist auch unsere Rolle als Autor*innen, ehrlich gesagt. Wir werden dafür bezahlt, zu reflektieren und künstlerisch unsere Gedanken aufzuschreiben. I mean how much more privilegiert can you get? Wir sind Teil der Gesellschaft, wir prägen sie und die Gesellschaft prägt uns. Deswegen haben wir Autor*innen eine Verantwortung. Ich kann verstehen, wenn Leute keine Literatur schreiben wollen, die ganz eindeutig ist – das muss nicht sein. Aber Literatur, die so tut als wäre alles Friede, Freude, Eierkuchen und als gäbe es keine Probleme und als gehe es nur um Unterhaltung, dafür habe ich echt wenig Geduld, denn dafür passieren zu viele heftige Dinge auf der Welt. Und ich als Autorin habe die Möglichkeiten, viele Menschen auf einer emotionalen Ebene zu erreichen. Auch Politik funktioniert über Emotionen: Emotionen haben zum Brexit, zu Trump geführt, und fast dazu, dass wir Armin Laschet als Kanzler gehabt hätten – it’s all about Emotionen, actually. Menschen werden viel mehr von Schicksalserzählungen bewegt als von Zahlen. Und deswegen haben Romane, oder Literatur generell, die Möglichkeit Inhalte anders zu vermitteln.

Das Festival heißt globale° – Festival für grenzüberschreitende Literatur. Was verbindest du mit diesem Begriff? Inwiefern ist Literatur grenzüberschreitend?

Das ist für mich kein positiv besetzter Begriff. Ich denke viel über Grenzüberschreitung nach, denn es gibt viele Menschen, die Schwierigkeiten haben, ihre eigenen Grenzen zu wahren, diese werden ständig überschritten. Menschen, die schwanger werden können, müssen um ihre Autonomie kämpfen, beispielsweise, damit sie das Recht auf eine Abtreibung haben. Und auch ich erlebe mein Leben lang Grenzüberschreitungen. Vieles was ich lese, z.B. Texte mit rassistischen Wörtern oder Bildern, ist grenzüberschreitend. Das verletzt mich in meiner Würde. Das stellt ein falsches Bild von Schwarzen Menschen in der Gesellschaft dar und führt dazu, dass wir unterschätzt, respektlos behandelt und diskriminiert werden. Das ist für mich grenzüberschreitend. Das ist das, was ich an Assoziationen im Kopf dazu habe, auch wenn es nicht das ist, was mit dem Festivaltitel gemeint ist.

Es gibt auch die Möglichkeit über Grenzüberschreitung auf anderen Ebenen nachzudenken, z.B. um Nationalitäts- und Staatsgrenzen neuzudenken.

Ja, aber weißt du, das gilt nur für weiße Personen. Wenn Schwarze Personen eine Grenze überschreiten, wie nennt man sie? Wie werden sie wahrgenommen? Die einen sind Expats, die anderen sind „Migranten“. Die einen sind „hochmobile Beschäftigte“, die anderen sind „Wirtschaftsflüchtlinge“. Mein Eindruck ist, wenn Grenzüberschreitung ausschließlich positiv konnotiert wird, wird ausgeblendet, dass es viele Menschen gibt, die Grenzen überschreiten müssen, weil sie Angst um ihr Leben haben, Leute aus Afghanistan zum Beispiel. Und diese Vorstellung ist nicht so romantisch. Schutzsuchende haben meist alles verloren. Und hier in Europa oder Deutschland angekommen, wird ihnen vorgeworfen, dass sie das System ausnutzen wollen. Es wird geschaut, wie schnell sie wieder abgeschoben werden können. Das ist menschenunwürdig. Darum ist es für mich kein positiv konnotierter Begriff.

Sharon, vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Anastasia Parinow am 03.11.2021 im Regionalexpress nach Bremen.

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