Was in diesem Land anders werden muss

Foto: privat

von Merle Meyer

„Wenn Menschen mich fragen, weshalb ich so offenherzig bin, dann ist meine Antwort: Weil ich so bin. Weil ich versuche, Menschen begreiflich zu machen, was mich bewegt und weshalb ich Politik mache.“

Mit diesem Satz fasst Aminata Touré ihr Buch in meinen Augen schon ziemlich gut zusammen. 272 Seiten sind nicht viel, reichen Touré aber definitiv dafür sowohl informativ, als auch verständlich und emotional ihr Leben und ihre politische Laufbahn zu erläutern. Aminata Touré wurde 1992 geboren und ist seit 2019 die erste Afrodeutsche und außerdem jüngste Vizepräsidentin im schleswig-holsteinischen Landtag. In ihrem Debüt fokussiert Touré sich auf ihre Kindheit und das Aufwachsen als Schwarze in einer armen Flüchtlingsfamilie, ihren Weg in die Politik, die daraus resultierenden Erfolge und Niederlagen und ihren Appell für mehr politisches Engagement in der Gesellschaft.

Diese Aspekte werden aber nicht einfach nur chronologisch abgearbeitet, sondern vermischt, sodass Anekdoten aus Tourés Kindheit sich mit Geschichten aus ihrem politischen Alltag abwechseln. Ihre Eltern fliehen 1991 aus Mali und weniger als ein Jahr später wird Touré als dritte von vier Töchtern geboren. Das Leben in Flüchtlingsunterkünften und winzigen Wohnungen, das ewige Warten auf die deutsche Staatsbürgerschaft, ihr Vater, der die Familie verlässt, als sie 13 ist und die Diskriminierung, die sie schon früh in der Schule erfährt, machen Tourés Kindheit nicht einfach. Ihren Weg in die Politik wagt Touré zunächst nur vorsichtig und sagt dann plötzlich ganz oft „ja“ zu Angeboten, die sie die Karriereleiter hochsteigen lassen. Sie tritt in „Die Grünen“ ein und arbeitet sich von der Sprecherin der Grünen Jugend über Beisitzerin des Vorstands bis zum Landtagsmandat vor und wird schließlich am 28. August 2019 zur Vizepräsidentin des Landtags gewählt.

Was mich vor allem an diesem Buch angesprochen hat, ist, dass Aminata Touré es schafft, teilweise komplexe politische Abläufe verständlich zu erklären, sodass auch „Politikanfänger*innen“ verstehen können, was hinter den Kulissen abläuft. Sie gibt auch zu, dass ihr schon öfter gesagt wurde, sie müsse weniger emotional sein beim „Politik machen“. Aber Touré sieht das anders und das ist auch gut so. Manchmal sind die Wut und die Freude das, was einen am Ball hält. Nichtsdestotrotz bleibt sie sich selbst und anderen gegenüber stets kritisch. Touré erkennt an, dass nicht alle Reden immer perfekt sind und dass man auch oft Kompromisse eingehen muss. So funktioniert Politik, sagt Touré. Man muss mitmachen, um etwas verändern zu können, aber man muss auch akzeptieren können, dass nicht jede*r 100% seine/ihre Ziele immer durchbringen kann.

Touré appelliert vor allem an die jungen Menschen in unserer Gesellschaft. Es muss sich noch viel ändern in Deutschland, aber ohne Einsatz wird das nichts. Sie ruft die jungen Menschen auf, sich zu engagieren in politischen Institutionen, um das Zusammenleben in der Gesellschaft zu verändern. Es ist nicht einfach, das gibt auch sie zu, aber man muss einfach weiter machen und kämpfen für das, was einem wichtig ist und für die Menschen, für die man sich einsetzt. Touré bezeichnet es als Privileg, die Menschen in ihrer Position vertreten zu dürfen und weiter von ihren Erfahrungen zu lernen. Ihre eigene Überzeugung und ihre offene Art mit Emotionen – auch in der Politik – umzugehen, machen dieses Buch sowohl unglaublich lehrreich als auch menschlich nahbar.

Wir können mehr sein, Aminata Touré, 2021, Kiepenheuer & Witsch, 272 Seiten, 14,00€

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