Trügerische Landidylle

© privat

Von Carmen Simon Fernandez

In ihrem neuesten Roman nimmt Eva Menasse uns mit in den hintersten Winkel Österreichs, in das fiktive Dunkelblum, das dem Roman seinen Titel gibt. Dunkelblum ist eines dieser kleinen Städtchen, in denen am besten nichts allzu Aufwühlendes passiert, aber gerade noch genug, damit man etwas zum Lästern hat. Bei so viel Spießigkeit und Engstirnigkeit wünscht man sich hinter der Fassade natürlich Skandale und Verbrechen – nein, man erwartet sie eigentlich. So auch in Dunkelblum, in dessen Vergangenheit nicht weniger als ein abgründiges Kriegsverbrechen aus der NS-Zeit vergraben liegt. 

Die Handlung beginnt im Jahr 1989. Zwei ehemalige Dunkelblumer reisen aus unterschiedlichen Gründen zurück in ihre Heimatstadt, ein Skelett wird auf einer Wiese ausgegraben und die nahe Grenze zu Ungarn droht, den Geflüchteten aus der DDR nicht mehr standhalten zu können. Später verschwindet auch noch eine junge Frau – Ereignisse, die die Dunkelblumer unruhig werden lassen. Und während die Gemüter hochkochen, die Stimmen am Stammtisch immer lauter werden und immer eifriger spekuliert und geflüstert wird, beginnt die Fassade zu bröckeln. Immer mehr Details aus den Biografien der einzelnen Figuren entweichen der Kontrolle und bahnen sich ihren Weg an die Oberfläche. Nach und nach setzt sich das Bild eines Kriegsverbrechens zusammen, das dort in den letzten Zügen des zweiten Weltkriegs stattgefunden hat.

Die Details machen schnell deutlich, dass das Kriegsverbrechen aus Dunkelblum auf einem wahren Ereignis beruht: dem Massaker von Rechnitz. Bei diesem Massaker im März 1945 wurden circa 200 jüdische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen im Zuge einer nächtlichen Feier auf Schloss Rechnitz in der Nähe des Schlosses erschossen und verscharrt. Die genaue Stelle wurde bis heute nicht gefunden. Das Kriegsverbrechen, das die Dunkelblumer zu vertuschen oder vergessen versuchen, basiert auf diesem Massaker. Die Zeit und die Lage des Städtchens sind gleich; genauso wie in Rechnitz gibt es ein Schloss mit einer Gräfin, die eine Affäre mit einem der beteiligten NS-Funktionäre gehabt haben soll und die nach dem Krieg in der Schweiz alt geworden ist. Und wie in Rechnitz hat es in der Nachkriegszeit angebliche Vertuschungsmorde gegeben, die nie aufgeklärt wurden.

Im Roman geht es jedoch weniger um das Verbrechen an sich – irgendwann hat man als Leserin ein relativ klares Bild davon. Es geht vielmehr um menschliches Verhalten und Weiterleben im Angesicht dieses dunklen Geheimnisses. Es geht um Täterschaft und Vertuschung, Leugnung, Verharmlosung, Angst, Verantwortung, Aufklärung und Schuld. Die großen Fragen und Themen, die sich auftun, sobald man in den Abgrund der NS-Vergangenheit schaut. Erzählt wird das Ganze von einer Instanz, die alles weiß und mit viel Witz und Wortgewandtheit dieses Städtchen mit seinen Bewohnern vorstellt. „In Dunkelblum haben die Mauern Ohren, die Blüten in den Gärten haben Augen.“ Ein Ort, an dem das größte aktuelle Problem die Frage ist, ob man sich an den öffentlichen Wasserversorger anschließen lässt oder nicht, wo es Antisemiten gibt, „aber sagen tut man es trotzdem nicht“. 

Diese Sprache ist das, was viele Rezensionen so loben und sie ist auch gut – sehr gut sogar! Wenn man poetische Metaphern und Vergleiche mag, kommt man beim Lesen sehr auf seine Kosten, aber ist das der angemessene Rahmen um über dieses NS-Verbrechen zu schreiben? Die Sprache baut Distanz auf. Es wird sehr deutlich, dass eine allwissende Erzählinstanz das Geschehen vermittelt. Fast, als würde diese Instanz sich bewusst an ein städtisches Publikum richten und vielleicht sogar ein nicht-österreichisches. Denn hinten im Buch gibt es ein Glossar mit den Austriazismen, die in diesem Buch fallen und so viele österreichische Wörter sind es auch nicht. Man könnte sie sich gut erschließen, aber so wirkt es, als würde dieses Glossar hinten dranhängen, damit man sich schön ins Hochdeutsche übersetzen kann, was diese hinterwäldlerischen Provinz-Österreicher sagen. Wahrscheinlich ist dieser hinterste Fleck Österreichs keine linksintellektuelle Hochburg, aber diese Darstellung ist eine Persiflage über urkonservative, missgünstige Leute, die nicht darüber hinwegkommen, dass bei einer Familie des Städtchens im Hotel freistehende Badewannen stehen. 

Dieser Ton ist mitunter amüsant, aber er weckt auch den Eindruck, dass NS-Verbrechen nur da geschehen und vertuscht werden, wo solche einfältigen Landeier leben. Dass das nicht der Fall ist, ist bekannt. Der Umkehrschluss wäre also, dass ganz Deutschland und Österreich zu einem nicht unerheblichen Teil aus einfältigen Landeiern besteht oder bestand. Ein bisschen mehr Komplexität ist den Lesern im Zusammenhang mit NS-Verbrechen und deren Bewältigung und Aufklärung aber durchaus zuzutrauen. Dazu gibt es noch ein paar Unsauberkeiten im Roman. So beispielsweise das Thema Grenze. Es wird oft erwähnt, aber so richtig wird damit nichts gemacht. Dabei wäre das eigentlich sehr interessant gewesen. 

Insgesamt ist es zwar toll geschrieben und vielleicht war die Lust da, dieses Bild der provinziellen Kleinstadtkulisse richtig auszureizen. Aber dem Roman gelingt es nicht, den Humor für die Darstellung des menschlichen Verhaltens im Angesicht des NS-Verbrechens stimmig einzusetzen.

Dunkelblum, Eva Menasse, 2021, Kiepenheuer & Witsch, 528 Seiten, 25,00 Euro.

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