Jugend ohne Plot

© privat

Von Farukh Sauerwein

Einer ungarischen Sage zufolge retteten sich vor langer Zeit die Frauen zweier zerstrittener Riesenfamilien vor ihren gewalttätigen Männern in eine Senke zu Füßen des Bakony-Waldes und begannen dort vor Schmerz über ihr Schicksal zu weinen. Aus ihren Tränen bildete sich eine Pfütze, die bald zu jenem See anwuchs, der heute als „Badewanne Ungarns“ bekannt ist: Balaton ist der schlichte Titel einer Novellensammlung über eine Jugend im Ungarn der 1980er-Jahre, die sich als weit abgründiger erweist, als die ferienfreudige Umschlaggestaltung zunächst vermuten lässt. In vierzehn Kurzgeschichten skizziert die ungarische Autorin Noémi Kiss das Aufwachsen einer namenlosen Ich-Erzählerin zwischen gewalttätigen Nachbar*innen, alkoholkranken Verwandten, übergriffigen Lehrern und überheblichen Tourist*innen von der anderen Seite des Eisernen Vorhangs.

Zentraler Schauplatz der Erzählungen ist wenig überraschend der mal still daliegende, mal stürmisch aufgepeitschte, zuweilen auch zugefrorene Balaton, an dem die Familie der Erzählerin jedes Jahr die Sommerferien verbringt. Viele der Geschichten beginnen in scheinbarer Harmonie, in der lähmenden Hitze der Sommermonate oder der Tristesse eines Ferienorts außerhalb der Saison. Doch die Autorin braucht nur eine Handvoll ihrer kühlen, existenzialistisch verkürzten Sätze, um die Erzählungen aus dem Gleichgewicht zu bringen und ihnen ein zumeist düsteres Geheimnis zu entlocken. In zuweilen kriminalistischer Schilderung werden plötzlich auftauchende Wasserleichen an Land gezogen oder illegale Tauschgeschäfte am Zaun der nächsten Sowjetkaserne durchgeführt. Mittendrin ein Mädchen aus den Plattenbausiedlungen Budapests auf der Suche nach sich selbst und ihrem Platz in dieser trostlosen Welt aus Mangel und geplatzten Träumen.

„Unter dem Wasser hausen Ungeheuer, sie reißen dir blitzschnell die Füße ab. Wenn du in der Mitte des Balatons bist, dann schwimm auf dem Rücken, sagte Großvater, dessen Schwimmstil ich es nie schaffte nachzuahmen.“

Auch wenn beinahe alle von Kiss’ Novellen im kommunistisch regierten Ungarn spielen, ist der nahende Untergange des Regimes doch in keiner der Geschichten wegzudenken. Der unbedarfte Blick der Erzählerin entlarvt eine Welt von Erwachsenen, die allesamt mit den Ungeheuern der Repression und Vertuschung zu kämpfen haben. Nach außen hin aber halten sie eisern die Fassade eines unbeschwerten Badeausflugs aufrecht, den man in sozialistischer Nachbarschaft mit Ex-Olympiasiegern und gescheiterten Künstlern am „ungarischen Meer“ verbringt. Es ist ein Versteckspiel, das die Erzählerin nicht weiter mitspielen kann und will, droht ihr Traum vom freien und selbstbestimmten Erwachsenendasein doch an der Resignation der Älteren zu zerbrechen. Die Opposition zum System, die ihre Eltern in privater Religiosität, Alkoholismus und häuslicher Gewalt finden, sucht sie im radikalen Hinschauen, in einer trotzigen Hinwendung zu jener Realität, von der sich die meisten Menschen aus ihrem Umfeld längst verabschiedet haben. So bleibt vom unmotivierten Bademeister, vom sportlichen Physiklehrer oder der alleinerziehenden Mutter am Ende von Kiss’ Geschichten vor allem das Bild von Täter*innen, deren Taten in einem Klima der ständigen gegenseitigen Beobachtung trotzdem niemand gesehen haben will.

Gern hätte man die Protagonistin dabei begleitet, wie sie versucht, die Erfahrungen ihrer Jugend zu überwinden oder nach dem Fall des Eisernen Vorhangs mit der westlichen Lebenswelt konfrontiert wird. Leider bleibt das Buch diese zweite Hälfte der Geschichte schuldig. So haftet der anekdotischen Zerrissenheit der Erzählungen etwas Unfertiges an, als läse man die Best-of-Szenen eines Jugendromans, die lediglich durch einen kaum erkennbaren Handlungsstrang zusammengehalten werden. Warum die Autorin das erzählerische Potenzial ihrer Hauptfigur für einen Novellenband verschenkte, bleibt eines der wenigen Geheimnisse, die dieses Buch nicht zu lüften vermag.

Balaton, Noémi Kiss, 2021, Europa Verlag, 168 Seiten, 18,00 Euro.

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