Bruchstücke

Wann beginnt die Geschichte eines Menschen? Vielleicht mit seiner Geburt, mit seinen ersten Erinnerungen. Vielleicht auch schon davor, an dem Tag, als sich seine Eltern kennenlernen. Oder bei den Großeltern. Vielleicht beginnt sie an dem Tag, als jemand das Glück hat zu überleben. Oder sich entscheidet weiterzuleben. Und die Geschichte damit fortschreibt.

Leise Traurigkeit im großen Berlin

Der traurige Gast aus Matthias Nawrats gleichnamigen Roman ist die ganze Zeit da und doch verschwindet er fast völlig im Hintergrund. Er ist ein ruhiger und einfühlsamer Beobachter, der in klarer Sprache von seinen Begegnungen erzählt. Dabei treibt er durch ein Berlin, das sich ebenso von seiner ruhigeren Seite zeigt.

Die Wanderin im Nebelmeer

Anne Webers neustes, frisch mit dem Deutschen Buchpreis gekürtes Buch „Annette, ein Heldinnenepos“ geht der Frage nach, wie Heldinnengeschichten heute erzählt werden können und ob es das überhaupt noch gibt. Ein Gesang in Schriftform auf menschliche Versuche nach Idealen zu leben und auf das Scheitern – und gleichzeitig eine Reflexion über literarische Form und wie Vergangenheit und Gegenwart sich treffen können.

Verzweiflung und Hoffnung

Kinder verstehen die Gründe für Zorn oder Furcht nicht immer, doch das Gefühl können sie sehr gut einschätzen. Durch ihre Augen lassen sich viele Situationen sehr intuitiv miterleben. Auch wird Hilflosigkeit in manchen Situationen so noch einmal stärker betont. Abbas Khider erzählt in Palast der Miserablen von Shams und seiner Familie zur Zeit des Irak-Krieges. Der Roman wird aus Sicht von Shams erzählt, der zu Beginn noch ein Kind ist. Ein Roman, der zeigt, wie widersprüchlich das Leben während Kriegszeiten sein kann und wie wichtig Bücher besonders in solchen Zeiten sein können.

Fluide Entgrenzungen und strömende Erinnerungen

Sasha Marianna Salzmanns mehrfach ausgezeichneter Debütroman Außer sich sprengt alle möglichen Grenzen von Zeit, Raum, Sprache und somit auch Identität. Er vereint zahlreiche Diskurse der modernen Globalisierungsgesellschaft. Die persönliche Identitätssuche einer jungen Transperson verbindet sich dabei auf sprachgewaltige Weise mit einem Jahrhundert diasporischer jüdisch-sowjetischer Familiengeschichte.

Individualität oder Homogenisierung?

Wie verändert Sprache unser Bewusstsein? Die Art, wie wir denken und die Welt wahrnehmen? Direkt gefragt: Wie verändert Sprache unser Sein? Und wie verändern Worte Menschen? Kübra Gümüşay macht in ihrem Buch Sprache und Sein deutlich: Sprache verleiht uns Menschen eine Identität. Sie eröffnet neue Bedeutungshorizonte. Sie bietet uns Zugehörigkeit zur Gesellschaft. Aber Sprache kategorisiert auch. Sie grenzt ab, spaltet die Gesellschaft, politisiert. Dies lässt sich an dem negativen Gebrauch von Sprache bei Antisemitismus, Rassismus, Sexismus und vielen weiteren negativen Verwendungen feststellen. Sprache ist somit auch Macht. Und kann als ein Mittel von Diskriminierung missbraucht werden.

Was würden Sie mitnehmen?

Stellen Sie sich eine Wüste vor. An was denken Sie? Vielleicht an Hitze. Weite. Sand. Sie sehen keine Bäume. Nur Baracken. Heißer Wüstenwind, der sich zwischen die Bretterwände zwängt, um die Hausecken saust, über die Wellblechdächer streichelt. Stellen Sie sich einen Zaun vor, der sich um Ihre Wüste schließt. Wo würden Sie sein wollen? Vor oder hinter dem Zaun?

„Normal People“ schaffen eine bedeutende Geschichte

Der Roman Normal People von Sally Rooney ist ein Million-Copy -Beststeller: Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und war 2018 Gewinner der Costa Novel Awards und „Buch des Jahres“ bei den Irish Book Awards. Betrachtet man die Rückseite des Buches, finden sich dort zahlreiche weitere Auszeichnungen. Mittlerweile wurde das Buch auch als Serie adaptiert. Doch wie kommt es, dass ein so vielfach gefeierter Roman, der eigentlich nur von dem Leben zweier ganz normaler Menschen handelt, solche Wellen schlägt?

Eine Biographie in Karmesinrot

Manche Bücher geben ein Setting vor, in dem sie gerne gelesen werden möchten. So schlägt man den Liebesroman in türkisem Cover und mit weißer Möwe, die sich über dem Titel erhebt, wohl am liebsten im Liegestuhl im Urlaub auf und den dicken Klassiker nimmt man sich vielleicht eher an einem dunklen Herbstabend im heimatlichen Sessel vor. Es fühlt sich falsch an ein Buch mit dem Titel „Ich würde so etwas nie ohne Lippenstift lesen“ zwischen Tür und Angel, mit zerzausten Haaren oder vielleicht im Pyjama zu lesen.

„Call me a new arrival”: Berlin Alexanderplatz revisited

Bereits zum dritten Mal wird Alfred Döblins Großstadtroman Berlin Alexanderplatz verfilmt, diesmal von Burhan Qurbani. Auf der Berlinale gefeiert, mit zahlreichen Lolas beim Deutschen Filmpreis ausgezeichnet, kam der Film coronabedingt erst deutlich verspätet in die Kinos. Mit dem neuen Releasedatum trifft der Film im Zuge der Black Lives Matter Bewegung umso mehr den diskursiven Nerv der Zeit.

„Wasser, Schleier und was sich nicht festlegen läßt“: Undine undone

Seit Anfang Juli kann man Christian Petzolds Undine auf Leinwand sehen. Zeit sich die titelgebende Sagenfigur noch einmal genauer anzuschauen, die gemeinsam mit ihren entfernten Verwandten, wie der Seejungfrau und Lorelay, ein beliebtes Motiv der deutschen Romantik war. Aber auch über das 19. Jahrhundert hinaus taucht die Gestalt der Undine immer wieder aus dem Erzählfluss auf und singt.

Alice im Blutrausch

Man nehme eine berühmte Geschichte. Ein Kinderbuch vielleicht, aber eins mit düsterem Potential. Dazu passend noch Blut, viel Blut! So oder so ähnlich könnte das Rezept für Christina Henrys blutigen Fantasy-Horrorroman Die Chroniken von Alice ­– Finsternis im Wunderland lauten, der seit März 2020 auf Deutsch zu lesen ist.